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[Schillerstraße] - *When the music fades*

Dieses Thema im Forum "Fertige Geschichten" wurde erstellt von HMJ821, 29 April 2007.

  1. HMJ821

    HMJ821 New Member

    Registriert seit:
    29 April 2007
    Beiträge:
    28
    Huhu ihr Lieben! Bin ja neu hier und hoffe mal, dass ich jetzt alles richtig mache.. ^^ Also, habe eine Schillerstraßen-Fanfic geschrieben, die ist auch bereits fertig, deshalb kann das dann eigentlich direkt verschoben werden... Hoffe, irgendwer liest sie mal, sie ist allerdings ziemlich sehr lang geworden. Naja, über Feedback würde ich mich jedenfalls dann auch freuen..


    *When the music fades*
    Für die meisten Menschen war es ein Samstagmorgen wie jeder andere auch. Doch in der großen Sporthalle in Köln-Lindenthal herrschte an diesem Morgen ein aufgeregtes Durcheinander. Endlich war der Tag eingetroffen auf den alle schon seit Monaten gewartet hatten. Das erste Turnier in der Regionalliga. Ungefähr die Hälfte der Teams war im vergangenen Jahr erst aus der Oberliga in die Regionalliga aufgestiegen und die Mitglieder waren mangels Erfahrung alle ziemlich nervös. Doch sie alle hatten einen Traum: In dieser Saison in die Bundesliga aufzusteigen. Und sie alle wussten, dass es einigen von ihnen gelingen konnte. Der Konkurrenzkampf war enorm. Hatte in der Landesliga und der Oberliga zwischen den Teams immer eine freundschaftliche Atmosphäre geherrscht, war das Ganze jetzt in eine Feindseligkeit umgeschlagen. Jedes Team wollte weiterkommen, und das bedeutete, dass man besser sein musste als all die anderen, die ebenfalls in den letzten Monaten sehr hart trainiert hatten, genau wie man selber Tag für Tag die Tanzschritte immer wieder durchgegangen waren, bis sie perfekt saßen. Doch die Erschöpfung würde sich auszahlen,- das jedenfalls hofften sie alle. Es war 9 Uhr morgens und das Turnier würde erst um 13 Uhr losgehen. Doch in wenigen Minuten würde das erste Team mit dem Eintanzen beginnen und alle anderen Teams hatten sich auf den Tribünen versammelt um zuzusehen und abschätzen zu können, ob man selber gute Chancen hatte.
    Das erste Team trat auf die Tanzfläche. Die Reihenfolge war gelost worden und die Duisburger waren die Ersten. Die meisten von ihnen sahen sehr selbstsicher aus, andere jedoch blickten unsicher in die Runde. Die Damen trugen weiße Röcke und rote Oberteile, die Männer rote Hosen mit weißen Oberteilen. Dann setzte die Musik ein.
    Annette stand am Rand der Tanzfläche und beobachtete das Geschehen gespannt. Es war ihre erste Saison. Nachdem sie im vergangenen Jahr am großen Kölner Tanzwettbewerb teilgenommen hatte, war sie hinterher von Max, ihrem jetzigen Trainer angesprochen worden. Er leitete die Teams des Rheinischen Tanzclubs Köln und suchte auf dem Wettbewerb nach Leuten, die gut tanzen konnten und Lust hatten, in sein Team zu kommen. Denn in der vergangenen Saison hatte das Team zwar große Erfolge erzielt, aber drei Damen mussten aus verschiedenen Gründen aufhören und so hatte Max nach Neulingen gesucht. Genau wie Cindy und Roxy, die Zwillinge, die Max ebenfalls auf dem Tanzwettbewerb angesprochen hatte, war auch Annette von da an jeden Tag zum Training erschienen. Sie alle hatten hart gearbeitet, an der Choreographie und an sich selber. Jetzt stand sie da und beobachtete die Duisburger. Sie waren wirklich gut. Am liebsten hätte sie es ihnen gesagt, aber das ging natürlich nicht. Die feindliche Atmosphäre gefiel ihr nicht, aber sie konnte es schließlich auch nicht ändern. Lukas, ihr Tanzpartner trat neben sie. „Na, alles klar?“ wollte er wissen. Er war bereits seit drei Jahren dabei und kannte dabei das ganze Vorgehen. Annette nickte. „Ja, ich bin nur etwas nervös,“ erklärte sie und wandte sich wieder der Tanzfläche zu, die nun von der Mannschaft aus Münster betreten wurde. Lukas lachte. „Wir schaffen das schon,“ sagte er bestimmt und ging in Richtung Tribüne um sich zu Franzi und Martin, dem einzigen Paar in dem Team zu gesellen.

    Das Eintanzen war eine Katastrophe für das Kölner Team. Keines der Bilder stand so wie es stehen sollte, mehrere Leute glitten auf der Tanzfläche aus, fielen hin oder hatten einen plötzlichen Black-Out. Doch im Gegensatz zu dem, was man sonst von Max erwarten würde, lächelte er zufrieden. „Wenn das Eintanzen scheiße läuft, wird es hinterher umso besser,“ erklärte er und alle lachten. Doch die Anspannung war groß. Langsam gingen alle in Richtung ihrer Umkleidekabine. Es waren noch 1 ½ Stunden, bis das Turnier richtig beginnen würde, und die Frauen mussten noch geschminkt werden. Außerdem mussten sie von ihren Eintanzkleidern in die richtigen Turnierkleider wechseln. Während die Männer schnell ihre Kleidung wechselten, sich die Haare gelten, ein wenig Puder abbekamen und damit fertig waren, wurde den Frauen zunächst ein Dutt gesteckt. Dann mussten die Haare schwarz gemacht werden und das Gesicht geschminkt werden. Wie immer dauerte es ewig. Irgendjemand war immer unzufrieden und wusch sich alles wieder aus dem Gesicht um die Schminke noch einmal aufzutragen. Doch auf der anderen Seite war dies auch eine der entspannteren Situationen vor einem Turnier. Man konnte sich unterhalten, hatte Spaß zusammen und dachte nicht allzu viel über das Bevorstehende nach.
    Annette besah sich im Spiegel. Sie hatte das orangene Kleid schon vorher angehabt, bei diversen Auftritten in der Tanzschule aber mit dem aufwendigen Make-Up im Gesicht hätte sie sich fast selber nicht wiedererkannt. An ihrem Ohr baumelten die orangenen Ohrringe und im Haar hatte sie wie alle anderen auch eine ebenfalls orangene Blumenkette. „Hoffentlich erkennen meine Freunde mich,“ dachte sie während sie kritisch ihr Spiegelbild betrachtete. „So Leute, gleich geht’s los.“ Max war in die Kabine gekommen und sah sich um. „Alle fertig?“ wollte er wissen und die meisten nickten. Annette bückte sich schnell um ihre Tanzschuhe zu schnüren. In wenigen Minuten würden sie auf die Tanzfläche treten, und dem Publikum vorgestellt werden. Danach würde das eigentliche Turnier beginnen.

    Die Vorstellung der einzelnen Teams verlief in alphabetischer Reihenfolge, ebenso wie die Vergabe der Startnummern. Wann jedoch welche Mannschaft tanzen würde war ausgelost worden. Der Moderator rief das Team aus Aachen auf, dann Duisburg, Essen, Iserlohn. Dann traten die Kölner auf die Tanzfläche und wurden von tosendem Applaus begrüßt, was sich ganz klar auf den Heimvorteil den sie hatten zurückführen ließ. Noch während Annette ihre Freunde in der Menge der Zuschauer suchte, mussten sie die Tanzfläche auch schon wieder verlassen. „Hoffentlich haben sie mich wenigstens gesehen,“ dachte sie und folgte den anderen aus ihrem Team zurück zu den Umkleidekabinen. Da sie erst als achtes von elf Mannschaften starten würden, mussten sie die Zeit bis dahin irgendwie überbrücken, und sich nicht allzu sehr aus der Ruhe bringen lassen. Fatal wäre es, sich die anderen Teams anzusehen, denn das würde sie alle nur noch mehr verunsichern. Also saßen sie nun in ihrer Kabine, warteten, unterhielten sich, lasen, spielten Karten und beobachteten die anderen Teams, die an ihrer offenen Kabinentür vorbeihuschten.

    Dann endlich war es so weit. Einer der Helfer kam zu ihrer Kabinentür und sagte, dass jetzt Paderborn dran sei, und sie dann das nächste Team wären. Alle standen auf, sahen sich nervös an. Diejenige, die nur als Ersatz mitgekommen waren, machten sich auf den Weg Richtung Tribüne, um sie anzufeuern. Die anderen versammelten sich noch einmal kurz um Max, der ihnen einige letzte Dinge mit auf den Weg gab, dann kamen die jeweiligen Tanzpartner zusammen und die acht Paare liefen los in Richtung der Sporthalle. Das Team aus Paderborn war noch mitten in ihrer Choreographie. Sie waren ziemlich gut, bis plötzlich in einer der Figuren eine der Damen wegrutschte. Wenn sie jetzt innerhalb des selben Taktes wieder in die Choreographie reinfand, wäre das Ganze nicht so schlimm, denn dann würde es von der Jury nicht gewertet werden dürfen, jedoch war sie dadurch so irritiert, dass sie einen kurzen Blackout hatte und bevor sie weitertanzen konnte, war der Takt auch schon vorbei. „So etwas darf euch auf keinen Fall passieren,“ sagte Max und sah seine Leute eindringlich an. Alle nickten stumm. Sie waren zu nervös um irgendetwas zu sagen. Langsam setzte die Musik aus. Die Paderborner verbeugten sich und verließen die Tanzfläche. Während der Moderator nun den RTK ankündigte, wischten ein paar Leute noch schnell die Fläche.
    Annette sah sich nervös um. Sie wünschte, sie würde ihre Freunde irgendwo im Publikum erblicken, doch sie konnte sie einfach nicht finden. Gemeinsam mit ihrem Tanzpartner betrat sie die Fläche und stellte sich auf ihre Position. Jetzt mussten sie ganz ruhig stehen, bis Max das Zeichen geben würde und die Musik einsetzen würde. Zum Glück stand sie so, dass sie unauffällig ihren Blick durch das Publikum schweifen lassen konnte. Und dann endlich entdeckte sie Cordula, Ralf und Michael, die mittig auf der Osttribüne standen, und aufgeregt hin und her sprangen und etwas riefen. „Die sind ja fast noch aufgeregter als ich,“ dachte Annette und lächelte. Der Bann war gebrochen.

    Nach einem sagenhaften Auftritt in der Vorrunde, schaffte es das Team aus Köln mit fünf anderen Teams zusammen das Große Finale zu erreichen. Sie würden noch einmal tanzen, um den Sieg in diesem ersten Turnier. Doch keiner war mehr besonders aufgeregt. Angefeuert durch das Kölner Publikum waren sie so von Adrenalin und Energie durchflutet worden, dass sie keine Angst mehr hatten, im Gegenteil. Sie freuten sich darauf ihre Choreographie noch einmal vor den begeisterten Zuschauern zeigen zu können.
    Auch dieses Mal ging nichts schief. Die Bilder standen perfekt, keiner fiel, keiner hatte einen Blackout. Jetzt kam es einzig und allein auf die Jury an. Alle warteten gespannt darauf, dass diese die offene Wertung präsentieren würden.
    Während sich die sechs verbleibenden Teams um die Tanzfläche versammelten, standen die fünf Wertungsrichter langsam auf und betraten die Fläche. Der Moderator stellte sie noch einmal kurz vor, um das Ganze möglichst spannend zu machen, doch dann verkündete er endlich, dass sie nun zur Wertung kommen würden. Die Richter stellten sich nebeneinander auf. Der Moderator verkündete den Namen des ersten Teams: Aachen! Ein Jurymitglied nach dem anderen hob seine Karte: 4-5-4-6-5. Keine allzu tolle Wertung. Je nachdem welche Wertung die anderen Teams bekamen, würde Aachen nicht über den fünften Platz hinauskommen. Duisburg erhielt 3-2-3-4-4 und Iserlohn 6-4-5-5-6, womit sie bereits eindeutig den letzten Platz belegten. Dann endlich kam die Wertung für Köln: 1-3-2-2-1. Während die Fans begeistert zu jubeln begannen, sahen sich die einzelnen Mitglieder an: Eigentlich war die Wertung ziemlich gut. Aber sie hatten eine 3 und damit war ihnen der erste Platz nicht sicher. Es folgte die Wertung für Münster: 5-6-6-4-3, dann die für Wetter an der Ruhr: 2-1-1-1-2. Das Team schrie erfreut auf,- sie hatten den ersten Platz in diesem ersten und wichtigen Turnier der Saison erzielt und freuten sich sichtlich über ihren Sieg.
    Die Siegerehrung ging schnell vonstatten, dann verschwanden alle Teams in ihren Kabinen, um sich zu duschen und umzuziehen, bzw. das Ergebnis zu diskutieren.

    „Es ist ja klar, dass wir jetzt noch mehr und noch härter trainieren müssen,“ sagte Max und warf einen Blick in die Gesichter seines Teams. Die meisten waren enttäuscht über den zweiten Platz, nur diejenigen die erst neu in das Team gekommen waren, schienen das Ergebnis nicht schlecht zu finden. „Ist denn ein zweiter Platz wirklich so schlimm?“ wollte Roxy vorsichtig wissen und Cindy pflichtete ihr schnell bei: „Für das erste Turnier ist es doch gar nicht schlecht, oder?“ „Das findet ihr vielleicht,“ erwiderte Max kühl, „klar ist jedenfalls, dass wenn wir in der Regionalliga am Ende nur den zweiten Platz belegen, wir im Relegationsturnier keine Chancen haben werden und nicht aufsteigen werden. Und wir wollen doch aufsteigen oder nicht?“ „Ja!“ riefen alle und nickten bekräftigend. „Gut,“ erklärte Max. „Dann ist die Sache eindeutig: Wir sehen uns am Montag beim Training, und werden statt den üblichen zwei Stunden vier Stunden, also bis 22 Uhr trainieren!“

    Annette stand unter der mittlerweile nur noch lauwarmen Dusche. Das Wasser, das durch die Duschen floss war fast schwarz, denn sie alle mussten sowohl den Bräuner für die Haut, als auch das Make-Up und das schwarze Gel, das sie in den Haaren hatten, abwaschen. Es dauerte ewig alles von der Haut zu bekommen. Die Stimmung war relativ bedrückt, obwohl weder Annette noch Roxy oder Cindy verstehen konnten, warum. Immerhin waren sie ins Große Finale gekommen und hatten den zweiten Platz erreicht. Es war nicht irgendwie so, als wären sie besonders schlecht gewesen. Die anderen, aus Wetter waren nur eben ein bisschen besser gewesen. Das konnte beim nächsten Turnier schon wieder ganz anders aussehen. Solange sie weiter hart trainierten und sich Mühe gaben, war ein zweiter Platz doch vollkommen in Ordnung oder etwa nicht? Schnell warf Annette einen Blick in den Spiegel: Das Make-Up war abgewaschen und die Haare waren nicht mehr schwarz. An ihrem Arm entdeckte sie noch einen braunen Fleck, den sie schnell abwusch, dann wickelte sie sich in ihr Handtuch und verließ die Duschräume, um jemand anderem Platz zu machen. Sie ging zurück in die Umkleiden, wo sie in ihre Jeans und ein T-Shirt schlüpfte. Sie griff nach ihrer Tasche und packte ihre Sachen, die in der Umkleidekabine verteilt lagen, ein. Ihre Freunde warteten bestimmt schon ungeduldig auf sie. Da es nicht allzu kalt draußen war, verzichtete sie darauf die Haare zu föhnen, sondern kämmte sie nur schnell. Dann machte sie sich auf den Weg nach draußen. Kaum hatte sie den Flur betreten, als sie auch schon in ein Mädchen rannte, das noch ihr Tanzkleid anhatte. Sofort erkannte Annette, dass sie aus dem Team aus Wetter stammte, - dem Siegerteam. Eigentlich hätte das Mädchen fröhlich sein müssen, doch ihre Augen waren rot, sie hatte offensichtlich geweint. „Ist alles in Ordnung?“ wollte Annette vorsichtig wissen, doch das Mädchen schluchzte nur leise. Sie war noch relativ jung, vermutlich Anfang zwanzig, obwohl man das unter der Make-Up-Schicht immer nicht so klar erkennen konnte. „Was ist denn los?“ fragte Annette noch einmal, woraufhin die andere in Tränen ausbrach. „Mein Trainer hat gesagt, dass wir so schlecht abgeschnitten haben, liegt daran, dass ich so dick bin und mich nicht so toll bewege, wie die anderen,“ flüsterte sie unter erneuten Schluchzern. „Was?“ Annette sah sie entsetzt an. Das Mädchen war ziemlich schlank, keinesfalls dick, und außerdem schlecht abgeschnitten? „Ihr habt gewonnen, was will euer Trainer denn noch?“ hakte sie bestürzt nach. „Gewonnen hat man, wenn man von den Wertungsrichtern nur Einsen erhält,“ entgegnete das Mädchen mit immer noch leiser Stimme. „Unfassbar,“ murmelte Annette und schüttelte leicht den Kopf. In dem Moment hörten sie Stimmen, die sich schnell näherten. Noch mehr Leute aus dem Wetteraner Team. „Ich muss gehen!“ Mit diesen Worten war sie plötzlich verschwunden. Annette sah ihr nach. Sie konnte es einfach nicht glauben. Schlimm genug, dass sie sich nicht über ihren zweiten Platz freuen durften, aber dass sich ein Team, das den ersten Platz erreicht hatte, nicht freute, nur weil sie nicht ausschließlich Einsen erhalten hatten, war echt zu viel. Sie hatte mit dem Tanzen angefangen, weil sie gemerkt hatte, dass es ihr Spaß machte, nicht um sich von Ergebnissen auf irgendwelchen Turnieren runterziehen zu lassen. Egal, was die anderen sagten, sie freute sich über das Ergebnis und würde es nun mit ihren Freunden zusammen feiern.

    Als Cordula am Montag morgen aufwachte, hatte sie immer noch Kopfschmerzen. Nach dem Turnier am Samstag war sie mit ihren Freunden Annette, Ralf und Michael noch in eine Disco zum Feiern gegangen. Obwohl sie nicht viel getrunken hatte, hatte sie den ganzen Sonntag über ziemliche Kopfschmerzen gehabt. Vermutlich von der lauten Musik. Auch jetzt brummte ihr Schädel, aber darauf konnte sie keine Rücksicht nehmen, sie musste zur Arbeit. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass es bereits nach sieben war, sie musste also wirklich langsam aufstehen. Langsam stand sie auf und schlurfte erst einmal in Richtung Küche, um sich eine Kopfschmerztablette zu besorgen. Dann beschloss sie, bei Annette anzurufen. Die Beiden waren heute Abend verabredet und Cordula wollte wissen, ob es dabei blieb. Sie griff nach ihrem Telefon und wählte die Nummer. Annette nahm nach dem ersten Klingeln ab. „Hast du auf meinen Anruf gewartet?“ wollte Cordula verdutzt wissen. Annette lachte: „Ja, Cordula, ich warte den ganzen Morgen nur auf deine Anrufe. Nein, Quatsch, ich hatte gerade mit Jessica telefoniert und kaum hatte ich aufgelegt, klingelte das Telefon schon wieder. Kein Wunder, dass ich nie pünktlich zur Arbeit komme.“ „Okay, ich mache ganz schnell,“ entgegnete Cordula, „ich wollte eigentlich nur wissen, ob das mit unsere Verabredung heute Abend bleibt.“ „Oh.“ Annette schwieg einen Moment. Offenbar suchte sie nach den richtigen Worten. „Das tut mir leid, aber ich kann nicht. Wir haben heute Training.“ „Ja, und wir wollten uns doch danach treffen. Ich dachte, ich soll dich abholen.“ Cordula war verwundert. „Ja, aber wir machen jetzt immer doppelt so lange wie sonst Training. Damit wir beim nächsten Turnier besser abschneiden.“ „Wie bitte? Wie oft wollt ihr denn noch trainieren?“ Cordula war noch erstaunter. „Du, Cordula, können wir ein anderes Mal darüber reden, ich muss jetzt wirklich zur Arbeit, ja?“ Mit diesen Worten legte Annette auf. Cordula starrte überrascht den Hörer an, bevor auch sie auflegte. Sie konnte verstehen, dass das Tanztraining vorging, aber auf der anderen Seite war sie auch enttäuscht. Wie lange würde das noch so gehen, dass Annette kaum Zeit für ihre Freunde haben würde? Und so viel Spaß ihr das Tanzen auch machte, war es wirklich nötig jeden Abend in der Woche zu trainieren? Aus irgendeinem Grund hatte Cordula ein ungutes Gefühl. Doch war es wirklich so, dass sie sich Sorgen um ihre Freundin machte oder war sie einfach nur eifersüchtig, weil Annette in den letzten Wochen wesentlich mehr Zeit mit den Leuten aus ihrer Tanzformation als mit ihr verbracht hatte? Cordula wusste, dass sie jetzt auf diese Frage ohnehin keine Antwort finden würde, und beschloss später genauer darüber nachzudenken. Jetzt musste sie sich endlich für die Arbeit fertig machen.

    Es war bereits halb elf, als Max das Training endlich beendete. Alle waren nassgeschwitzt und konnten sich kaum noch bewegen. Sie würden morgen ziemlichen Muskelkater haben und trotzdem würden sie alle wieder zum Training kommen müssen. Annette beneidete diejenigen, deren Positionen doppelt besetzt waren. Sie konnten sich mit dem Tanzen abwechseln und hatten so immer kleinere Pausen, obwohl Max natürlich wollte, dass meistens diejenigen tanzten, die auch auf dem nächsten Turnier tanzen würden. Ihre Position hingegen war nur mit ihr selber besetzt, was den Vorteil hatte, dass sie auf jedem Turnier tanzen durfte. Jetzt allerdings wünschte sich Annette auch eine Doppelposition zu haben. Sie wusste nicht wie sie die Woche überstehen sollte. Und das nächste Turnier war bereits am Sonntag, in Paderborn. Bis dahin musste sich die Leistung des Teams um einiges steigern. „Zieht euch schnell um, dann muss ich noch etwas mit euch besprechen,“ wies Max seine Mannschaft an. Alle schlurften in Richtung Umkleide. Normalerweise herrschte nach dem Training immer einiges an Stimmengewirr, man unterhielt sich über die Durchgänge, und das, was verbessert werden musste. Doch jetzt waren die meisten viel zu erschöpft, um noch zu reden und das Training zu analysieren. Schnell zogen sie sich um und versammelten sich dann wieder auf der Tanzfläche. Max sah sie ernst an. „Unsere Leistung am Samstag war nicht schlecht. Das will ich nicht sagen. Aber das Team aus Wetter war einfach besser. Das muss sich ändern. Wir dürfen uns nicht mit dem zweiten Platz zufrieden geben. Ich WILL mich nicht mit dem zweiten Platz zufrieden geben. Vor allem, weil uns hier in Köln natürlich auch der Heimvorteil zu Gute gekommen ist. Aber ich will, dass wir am Sonntag in Paderborn gewinnen. Zum einen werden wir natürlich jeden Abend trainieren. Am Samstag machen wir einen Trainingsmarathon, und treffen uns um 10 Uhr hier in der Tanzschule. Danach liegt es an euch, wie schnell wir fertig werden.“ Es wurden verstohlene Blicke getauscht. Sie hatten sich alle darauf eingestellt, dass sie sich am Samstag vor dem Turnier noch einmal ausruhen können und jetzt wollte Max, dass sie den ganzen Tag trainierten? Auch Annette seufzte innerlich auf. Eine weitere Verabredung, die sie würde absagen müssen. Eigentlich hatte sie geplant am Samstag mit Michael einkaufen zu gehen. Er brauchte neue Schuhe und sie hatte versprochen ihn zu beraten. Vielleicht würde er sich auch mit Cordulas Rat zufrieden geben. Annette wurde aus ihren Gedanken gerissen, denn Max sprach noch weiter: „Abgesehen vom Training müssen wir noch an etwas weiterem arbeiten: Aussehen und Ausstrahlung. Auch das zählt.“ Er warf Martin, der auf einem Corny kaute einen scharfen Blick zu: „So etwas ist ab heute verboten. Keine Schokolade, nichts Fettiges. Ihr müsst mehr auf eure Gesundheit und besonders eure Figur achten. Und ich will dass ihr heute damit anfangt.“ Max sah jeden Einzelnen an. Die meisten hatten den Blick gesenkt. „So das war es. Wir sehen uns morgen beim Training.“ Damit waren sie für heute entlassen. Bevor ihm doch noch etwas einfallen könnte, verließen alle schnell die Tanzschule. Annette stieg zu Roxy und Cindy in den Wagen, die beiden wohnten nur eine Straße weiter als sie und nahmen sie immer mit nach Hause.
     
  2. HMJ821

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    „Der spinnt doch,“ sagte Roxy wütend, zog demonstrativ eine Packung Kekse aus ihrer Tasche und bot sie den anderen beiden an. Cindy nahm sich einen, doch Annette lehnte ab. „Vielleicht hat er ja gar nicht so Unrecht,“ murmelte sie nachdenklich. „Was?“ Die Zwillinge warfen ihr einen verständnislosen Blick zu. „Also, ich meine mit dem gesünder ernähren. Ich wollte das immer schon durchziehen, aber irgendwie klappt es nie so richtig. Vielleicht ist das Tanzen ja der richtige Ansporn um das mal durchzuziehen,“ sagte Annette, leicht verlegen. „Ja, genau,“ meinte Roxy ironisch. „Wir essen einfach alle nichts mehr und entweder fallen wir dann wegen dem Training tot um, oder wir sind irgendwann so dünn, dass man uns auf der Tanzfläche gar nicht mehr sieht.“ Cindy lachte, doch Annette schüttelte den Kopf. „Er hat doch gar nicht gesagt, dass wir eine Diät machen sollen,“ verteidigte sie den Trainer. „Nur, dass wir gesündere Sachen essen sollen, das ist ein Unterschied.“ Aber war es das wirklich? Annette wusste es selber nicht. Noch am Samstag hatte sie den Kopf geschüttelt, über das Mädchen aus dem Wetteraner Team, deren Trainer ihr gesagt hat, sie solle eine Diät machen. Und jetzt sagte ihr Trainer ihnen indirekt genau das Gleiche und sie unterstütze den Vorschlag auch noch. Aber es war etwas anderes. Denn das Mädchen aus Wetter war ohnehin schon extrem dünn gewesen. Genau wie Cindy und Roxy. Natürlich sahen die Beiden keinen Grund auf Süßigkeiten zu verzichten. Aber es gab auch Leute in dem Team, die nicht so dünn waren wie die Zwillinge. Annette selber eingeschlossen. Und vielleicht würde es ihnen wirklich gut tun, mehr auf ihre Gesundheit zu achten.

    „Was soll das heißen, du kannst Samstag nicht?“ fragte Michael enttäuscht. „Es tut mir wirklich leid, aber du weißt doch, dass wir am Sonntag in Paderborn ein Turnier haben. Und wir müssen einfach noch mehr trainieren,“ entgegnete Annette müde. Es war Dienstag Nachmittag und sie war auf dem Weg zur Tanzschule. Sie wusste nicht wie sie das heutige Training überleben sollte. Nicht nur hatte sie viel zu wenig geschlafen. Auch war der erwartete Muskelkater eingetroffen und ihr ganzer Körper tat weh, sodass sie sich kaum vernünftig bewegen konnte. „Ja, aber ihr macht doch jetzt schon während der Woche doppelt so lange Training. Reicht das nicht?“ „Offensichtlich nicht,“ murmelte Annette. Was sollte sie auch sonst sagen? Ihr reichte das vollkommen, aber da es Max scheinbar nicht reichte und sie ein Team waren, mussten sie alle wohl oder übel am Samstag zum Training erscheinen, ob sie nun wollten oder nicht. „Ich finde euren Trainer etwas zu ehrgeizig,“ erklärte Michael. „Ein zweiter Platz ist doch super. Wer weiß, was ihm noch alles einfällt, wenn euer Sonder-Training auch nichts bringt.“ Annette schwieg. Sie hatte ihren Freunden wohlweislich nichts von dem erzählt, was Max gestern Abend zu ihnen gesagt hatte. So wie Cindy und Roxy schon reagiert hatten, konnte sie sich nur zu gut ausmalen, wie ihre Freunde reagieren würden. Und deshalb sagte sie ihnen nichts, sondern verwendete den Satz, den sie in der letzten Zeit scheinbar dauernd benutzte: „Können wir da ein anderes Mal drüber reden? Ich muss zum Training.“ Michael seufzte: „Okay, wir sehen uns dann Sonntag in Paderborn.“ „Ihr kommt?“ Annettes Laune besserte sich schlagartig. Dass ihre Freunde zu ihrem ersten Turnier gekommen waren, das ja auch direkt in Köln stattgefunden hatte, war eine Sache gewesen, aber sie hatte nicht damit gerechnet, dass sie auch nach Paderborn fahren würden. „Das ist doch selbstverständlich, wir sind doch deine Freunde und müssen dich anfeuern,“ entgegnete Michael. Es überraschte ihn, dass Annette so erstaunt war, denn er hatte es in der Tat für selbstverständlich gehalten, dass sie, solange ihre Zeit es zuließ, Annette zu ihren Turnieren zu begleiten und zu unterstützen. „Danke. Dann bis Sonntag,“ murmelte Annette verlegen und legte schnell auf. Sie bekam so langsam wirklich ein schlechtes Gewissen. Während sie eine Verabredung nach der anderen absagen musste, kamen ihre Freunde trotzdem zu ihren Turnieren. Gut, wenn sie sie sehen wollten, blieb ihnen auch kaum eine andere Wahl, aber trotzdem. Sie musste unbedingt versuchen, wieder mehr Zeit für ihre Freunde zu finden. Mit diesem guten Vorsatz betrat sie die Tanzschule.

    Die Tage bis zum Sonntag waren wie im Flug vergangen. Mit viel Training, vielen Schmerzen, wenig Schlaf und noch weniger Essen. Das lag zum einen natürlich an den eindringlichen Worten von Max. Was jeder Einzelne bei sich zu Hause machte, konnte schließlich keiner wissen. Aber da die Mitglieder des Kölner Teams einen Großteil ihrer Zeit in der Tanzschule und damit unter den Augen ihres Trainers und ihrer Teammitglieder verbrachten, trauten sie sich dort kaum etwas anderes, abgesehen von etwas Obst zu essen. Mal ganz davon abgesehen, dass sie im Grunde genommen auch kaum Zeit zum Essen fanden. Der Trainings-Marathon am Samstag war furchtbar gewesen. Bei jedem noch so kleinen Patzer hatte Max die Musik angehalten und sie die Choreographie von vorne tanzen lassen. Es waren sechs Stunden vergangen, bis sie das Ganze so perfekt getanzt hatten, dass er die Musik komplett hatte durchlaufen lassen und sie endlich, abgesehen von 5-minütigen Trinkpausen, sich ausruhen konnten. Insgesamt hatten sie gestern 12 Stunden trainiert. Und obwohl Max mit dem Ergebnis scheinbar nicht allzu zufrieden war, hatte er sie dann doch nach Hause gehen lassen, damit sie für das Turnier ausgeruht waren. Zu Hause angekommen, waren auch alle todmüde ins Bett gefallen. Kein Wunder, schließlich hatten sie sich bereits um 7 Uhr morgens wieder an der Tanzschule getroffen um gemeinsam im Team-Bus nach Paderborn zu fahren.
    Wie bereits acht Tage zuvor standen sie jetzt, genau wie die anderen Teams auch, wieder hochkonzentriert in ihrer Umkleide und warteten darauf, dass sie aufgerufen wurden. Das Eintanzen war wieder einmal furchtbar gewesen, was von Max allerdings als gutes Zeichen gewertet wurde. Scheinbar war das die einzige Gelegenheit, zu der sie mal richtig schlecht sein durften. Bei der Auslosung heute war herausgekommen, dass sie direkt als zweites tanzen würden. Die meisten waren mit dieser Entscheidung sehr zufrieden, denn so hatten sie es dann direkt hinter sich. „Wie das klingt,“ dachte Annette. Eigentlich sollte das Tanzen doch Spaß machen. Es sollte nicht etwas sein, was man so schnell wie möglich hinter sich bringen wollte. Sie mussten sich immer wieder darüber klar werden, dass auch die Ausstrahlung wichtig war. Und das bedeutete, dass man ihnen den Spaß am Tanzen ansah. Auch das zählte, und nicht nur die Frage, ob alle Bilder richtig standen und alle synchron waren.
    Als sie vorhin bei der Vorstellung der einzelnen Teams kurz einmarschiert waren, hatte Annette ihre Freunde gleich entdeckt. Am liebsten wäre sie kurz zu ihnen gegangen, um mit ihnen zu reden, aber wieder einmal ging das nicht. Obwohl viele Mitglieder der anderen Teams immer wieder zu ihren Familien und Freunden gingen, hatte Max es verboten. Er war der Auffassung, dass es sie aus ihrer Konzentration reißen würde und sie vor ihrem Auftritt als Team zusammen bleiben sollten. Jetzt kam er gerade in die Umkleide und berichtete, dass das Turnier gerade mit dem Team aus Münster gestartet wäre, und sie sich schon mal fertig machen sollten. Jessica zog noch einmal den Lippenstift nach. Trotz der vielen Schminke wirkte sie irgendwie blass und noch sehr viel nervöser als beim letzten Turnier. Marcel, ihr Tanzpartner, war neben sie getreten und sie reihten sich nun als letzte in die Schlange ein. Dann ging es los. Max ging voran, bis zum Eingang der Halle. Dort blieben sie stehen und sahen dem Team aus Münster, das heute ebenfalls extrem unkonzentriert wirkte, bei ihrem ersten Durchgang zu. Die Musik wurde langsam leiser und das Team verließ die Fläche. Dann endlich sagte der Moderator sie an. Das Publikum klatschte höflich. Man merkte deutlich, dass das Turnier dieses Mal nicht in Köln stattfand, - ihr Heimvorteil war verschwunden. Genau das hatte Max vorausgesagt und sie alle wussten, dass sie, auch wenn sie dieses Mal nicht so stark angefeuert wurden, wieder alles geben mussten. Sie betraten die Tanzfläche und stellten sich auf ihre Positionen. Max gab das Zeichen und die Musik setzte ein.
    Ihre Choreographie begann mit einem Cha-Cha-Cha. Jedes Paar bewegte sich zunächst anders zur Musik, bis das erste Bild stand. Dann ging es synchron weiter. Dem Cha-Cha-Cha folgte ein schneller Jive-Teil. Alles lief bestens bisher. So müde man sich auch fühlte, und so wenig Lust man auch hatte zu trainieren, sobald man auf einem Turnier war und auf der Tanzfläche stand war plötzlich alles wie weggeblasen. Die Schmerzen, der Muskelkater und die Anstrengung der vergangenen Woche waren vergessen. Es zählte nur noch der Augenblick des Tanzes. Und Tanzen machte plötzlich wieder Spaß. Aus dem Augenwinkel sah Annette, wie Roxy plötzlich mitten in einem weiteren Cha-Cha-Cha-Teil ausglitt. Doch sie fing sich sofort wieder und war innerhalb weniger Sekunden wieder in der Choreographie drin. Es würde nicht gewertet werden. Solange Roxy es sich jetzt nicht anmerken ließ, dass sie einen Fehler gemacht hatte, war also alles in bester Ordnung.

    „Wenn wir Glück haben, kommen wir ins große Finale,“ sagte Max pessimistisch und warf besonders Roxy einen bösen Blick zu. „Waren wir tatsächlich so schlecht?“ wollte Cindy vorsichtig wissen. Auch die anderen sahen reichlich verwirrt aus. Bis auf die Tatsache, dass Roxy ausgerutscht war, hatten sie eigentlich alle den Eindruck gehabt, dass sie wirklich gut gewesen waren. Auf jeden Fall nicht schlechter als beim letzten Mal. Warum also gab Max ihnen eine so schlechte Prognose? Wollte er sie motivieren, dass sie im Großen Finale noch besser waren? Oder waren seine Worte ernst gemeint, und er zweifelte tatsächlich an ihrer Teilnahme? Er verließ die Kabine, um sich die anderen Teams anzusehen und mit den anderen Trainern Erfahrungen zu tauschen. Zunächst herrschte bedrücktes Schweigen, dann setzte ein allgemeines Stimmengewirr ein, aus dem man entnehmen konnte, dass sie alle sich sicher waren, auch diesmal gut durch den ersten Durchgang gekommen zu sein und auf jeden Fall im großen Finale tanzen zu dürfen.

    „Meint ihr, Annette kommt auch mal vorbei?“ wollte Ralf wissen und sah Cordula, Maddin und Michael fragend an. Cordula zuckte mit den Schultern. Nachdem sie getanzt hatten, waren aus allen Teams die einzelnen Tänzer zu ihren Familien und Freunden gekommen. Nur die orangenen Kleider des Kölner Teams hatten durch Abwesenheit geglänzt. Ob von den Männern des Teams jemand aus der Umkleidekabine gekommen war, konnte man nicht so genau sagen, da sie wie die meisten anderen auch, schwarze Anzüge trugen. „Vermutlich nicht,“ antwortete sie nun auf Ralfs Frage. Sie wusste, dass es nicht Annettes Schuld war, dass sie nicht rauskommen konnte, aber trotzdem verspürte sie einen leichten Groll. Sie hatte ihre Freundin seit über einer Woche nicht mehr zu Gesicht bekommen. Natürlich war das keine wirklich lange Zeit, aber die beiden hatten sich seit Jahren mindestens einmal die Woche gesehen oder zu mindestens miteinander telefoniert. Aber auch das war nicht möglich, da Annette nach ihrem Training meistens nur noch unter die Dusche sprang und anschließend sofort ins Bett ging. Auch das konnte Cordula verstehen, aber sie vermisste ihre Freundin. Noch drei Turniere, dann wäre die Saison vorbei. Vorausgesetzt sie mussten nicht auch noch zum Relegations-Turnier fahren. Die drei Teams die in der Gesamtplatzierung vorne lagen, würden dahin fahren. Im Moment lag Köln auf Platz zwei uns insgeheim hoffte Cordula, dass sich das schnell ändern würde. Sie wollte nicht, dass das Team in die Bundesliga aufstieg. Denn das würde bedeuten, dass sie nur noch mehr trainieren würden, und Annette gar keine Zeit mehr für ihre Freunde hätte. Natürlich würde Cordula es ihr gönnen, aber sie wusste auch, dass es ihre Freundschaft verändern würde. Und sie fragte sich, ob das Annette auch klar war. „Ich bin mir sicher, Annette wird uns nachher im Auto genau berichten, wieso sie nicht mal zu uns kommen konnte,“ meinte Michael gerade und riss Cordula damit aus ihren Gedanken. „Das bezweifel ich,“ entgegnete diese missmutig, „sie muss mit den anderen im Teambus mitfahren.“ „Was? Wieso das denn?“ „Weil sie ein Team sind und keine Ahnung. Frag doch mal ihren tollen Trainer,“ sagte Cordula und deutete auf Max, der gerade am Kuchenbüfett stand und ein großes Stück Torte verdrückte.
     
  3. HMJ821

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    Die Stimmung zwischen den Freunden war irgendwie den ganzen Tag schon recht gedrückt gewesen. Cordula hatte am Morgen erzählt, dass Annette ihre Verabredung am Montag abgesagt hatte und sich dann erst am Freitag Abend wieder gemeldet hatte, jedoch kaum Zeit hatte und nur in etwa zehn Minuten mit ihr hatte sprechen können. Auch Michael hatte von seiner geplatzten Verabredung berichtet. Das Ganze machte Ralf aus irgendeinem Grund Sorgen. Für Annette waren ihre Freunde immer über alles gegangen, und er fragte sich, warum sich das scheinbar jetzt geändert hatte. Und hatte es sich wirklich geändert oder bildeten sie sich das bloß ein? Schließlich war er selber auch schon auf einer Fortbildung in Hamburg gewesen und hatte sich deshalb fast einen Monat lang nicht mit seinen Freunden treffen können und nur selten mit ihnen telefoniert. Und die Tanzsaison dauerte schließlich auch nicht ewig. Fünf Turniere an fünf Wochenenden direkt hintereinander. Und noch ein sechstes, zwei Wochen nach dem letzten, sollten sie zur Relegation fahren. Danach würde sich alles wieder normalisieren. Das zu mindestens hoffte Ralf. Doch die Sorgen blieben, jedoch wusste er immer noch nicht warum. Beim ersten Turnier war es ihm nicht so aufgefallen, aber heute hatten viele der Teilnehmer irgendwie blass ausgesehen. Nicht nur diejenigen aus dem Kölner Team, auch viele der anderen. Das lag bestimmt an dem Schlafmangel und dem vielen Training. Wäre es nicht besser, man würde nur an einigen Tagen in der Woche trainieren, dafür umso intensiver und die restlichen Tage mal zur Ruhe kommen können? Konnte eine Sportart tatsächlich noch Spaß machen, wenn man immer nur Tag für Tag für das nächste Turnier trainierte?

    Der Moderator trat auf die Bühne, um zu verkünden, wer bei dem heutigen Turnier im Großen Finale stehen würde. Sowohl das Team aus Köln war dabei, ebenso Paderborn, Münster, Aachen und das Team aus Wetter. Nur fünf Teilnehmer. Das war zwar ungewöhnlich, aber diejenigen, die es geschafft hatte, störte es nicht sehr. Laut Losung würden die Kölner dieses Mal als letzte starten, womit sie sehr zufrieden waren. Denn die Teams, die bereits getanzt hatten, blieben meistens in der Halle um ihren Konkurrenten zuzusehen und viele Menschen bedeuteten auch immer gute Stimmung. Also zog sich die Mannschaft wieder in ihre Umkleidekabine zurück und wartete darauf, dass sie ein zweites Mal auf die Bühne treten durften.

    Der zweite Durchgang war genial. Die Bilder standen perfekt, niemand vertanzte sich, alle waren komplett synchron. Und am wichtigsten: Auch die Ausstrahlung stimmte komplett und das Kölner Team schaffte es den Zuschauern ihren Spaß am Tanzen zu vermitteln.
    Nach dieser hervorragenden Darbietung verließ das Team aus Köln die Tanzfläche und stellte sich an den Rand, wo bereits alle anderen Formationen standen und warteten. Bereits nach wenigen Minuten erhoben sich die fünf Wertungsrichter von ihren Plätzen und betraten die Tanzfläche, in der Hand ihre Karten für die offene Wertung. Das Publikum empfing sie mit einem höflichen, aber schnelle Applaus,- alle wollten wissen wer aus diesem Turnier als Sieger hervorgehen würde. Der Moderator sagte noch ein paar Worte, dankte den Juroren für ihre Wertung und verkündete dann, dass nun die erste Wertung bekannt gegeben würde und zwar für das Team aus Münster, das zuerst getanzt hatte. Fast gleichzeitig hoben die fünf ihre Schilder hoch: 4-3-5-3-3. Das bedeutete vermutlich den dritten Platz. Das Team schien nicht allzu begeistert zu sein. Schnell ging der Moderator über zum nächsten Team. Das Publikum begann laut zu applaudieren, denn es handelte sich um Paderborn. 3-5-3-4-4 zeigten die Wertungsrichter an, und das Publikum klatschte begeistert. Zwar bedeutete das nur den vierten Platz, aber immerhin war es eine deutliche Steigerung im Vergleich zum letzten Turnier und das Publikum bedankte sich mit diesem tosenden Applaus für ein gelungenes Turnier. Nachdem es wieder etwas ruhiger in der Sporthalle wurde, ging es weiter mit dem Aachener Tanzsportverein: 5-4-4-5-5. Eindeutig der letzte Platz. Die Spannung für die beiden verbleibenden Formationen stieg. Das wusste natürlich auch der Moderator, der jetzt anfing sich noch einmal über das schöne Turnier, einen fairen Wettkampf und tolle Sportler auzulassen, bevor er endlich verkündete das nun die Titelverteidiger des letzten Turniers ihre Wertung erhalten würden. Langsam hoben die einzelnen Richter einer nach dem anderen ihre Schilder hoch: 2-1-1-2-2. Während das Kölner Team begeistert aufjubelte, sahen die Wetteraner sich enttäuscht an. Der Form halber hoben die Wertungsrichter noch ihre Schilder für Köln hoch, obwohl die Wertung 1-2-2-1-1 bereits offensichtlich war. Damit lagen jetzt beide Teams in der Gesamtwertung auf dem ersten Platz.

    Im Teambus des RTK herrschte eine ausgelassene und fröhliche Stimmung. Selbst Max freute sich scheinbar sehr über den Sieg in diesem Turnier. Er hatte sogar eine Flasche Sekt dabei, von der jeder einen Schluck trank. Annette hatte schon befürchtet, er würde ähnlich wie der Trainer des Wetteraner Teams beim letzten Mal reagieren und sagen, dass nur ein erster Platz, bei dem die Richter einem nur Einsen gaben, wirklich zählte. Doch er schien sich tatsächlich sehr zu freuen. Allerdings bedeutete das auch, dass der Druck auf die Mannschaft nur noch größer wurde. Denn vorher war es möglich gewesen, die Leistung noch zu steigern. Jetzt mussten sie ihren ersten Platz verteidigen. Und so ausgelassen und glücklich sie jetzt auch alle waren, morgen würden sie wieder trainieren müssen, und Max würden den Teufel tun, und sie weniger trainieren lassen, im Gegenteil. Wahrscheinlich würden sie nur noch mehr trainieren, als sonst, damit sie auch wirklich beim nächsten Turnier wieder ganz vorne mit dabei waren. Roxy öffnete ihre Tasche und zog eine Tupperdose hervor. Sie und Cindy hatten gestern nach dem Training extra noch Schokoladenmuffins für alle gebacken. „Was ist das denn?“ fragte Max argwöhnisch, und sah die beiden an. Mit seinen Adleraugen sah er natürlich direkt alles, während die meisten anderen in dem Bus noch nichts mitbekommen hatten, da alle in verschiedene Gespräche vertieft waren. „Schokomuffins,“ entgegnete Roxy und hielt ihm die Dose hin. Cindy fügte hinzu: „Nur zur Feier des Tages.“ Max schüttelte verärgert den Kopf: „Ich dachte wir waren uns darüber einig, dass wir alle mehr auf unsere Gesundheit achten wollen. Und nur weil ihr jetzt einmal gewonnen habt, könnt ihr das nicht alles wieder gleich vergessen!“ Mit diesen Worten nahm er Roxy die Dose ab und stellte sie wortlos neben sich auf den Sitz. Roxy und Cindy warfen sich wütende Blicke zu, sagten aber nichts. Sie hatten sich gestern nach dem anstrengenden Training extra noch in die Küche gestellt, um für ihr Team zu backen und jetzt war alles umsonst gewesen. Als wenn es so schlimm wäre, wenn man mal ab und an etwas Süßes aß.

    Als Annette am nächsten Morgen aufwachte, hatte sie Kopfschmerzen und fühlte sich generell sehr wackelig auf den Beinen. Sie hatten gestern Abend noch ein wenig in der Tanzschule gefeiert, waren aber alle gegen 21 Uhr nach Hause gefahren. Schließlich war heute Montag und damit ein weiterer Arbeitstag mit erneutem Training. Max hatte die Trainingszeiten wie erwartet nicht heruntergeschraubt, aber immerhin hatte er auch nicht gesagt, dass sie noch länger trainieren müssten. Erst jetzt fiel Annette auf, dass sie gestern den ganzen Tag im Grunde nichts gegessen hatte. Den meisten anderen war es vermutlich nicht anders gegangen. An Turniertagen waren sie viel zu aufgeregt, um etwas zu essen. Leider herrschte auch in ihrem Kühlschrank gähnende Leere, da sie in der vergangenen Woche nicht zum Einkaufen gegangen war. Also griff sie nach dem letzten Apfel, der auf ihrem Küchentisch lag, biss einmal hinein und wollte gerade ins Badezimmer gehen, als ihr Telefon klingelte.

    Ralf wusste, dass die einzige Gelegenheit Annette zu erreichen ziemlich früh morgens war. Deshalb war er extra eine Stunde früher als sonst aufgestanden. Cordula hatte gestern sehr schlechte Laune gehabt und auf der Rückfahrt gemeint, dass Annette sowieso keine Zeit mehr für sie hätte und vermutlich nicht mal zu Michaels Geburtstagsfeier am Freitag kommen würde. Ralf wollte ihr das Gegenteil beweisen. Er konnte einfach nicht glauben, dass Annette die Geburtstagsfeier von einem ihrer Freunde verpassen würde. Aber wenn sie tatsächlich nicht käme würde es einen ziemlichen Bruch in ihrer aller Freundschaft bedeuten, aber besonders in der von Cordula und Annette. Ralf konnte beide Seiten verstehen. Er wusste dass Annette in einer schwierigen Situation war, denn sie konnte nicht einfach nicht zum Training kommen. Sie war es ihrem Team schuldig, dass sie erschien und genauso hart trainierte wie alle anderen auch und sich wie jedes andere Mitglied des Teams verhielt. Aber in gewisser Weise war sie es eben auch ihren Freunden, die sie schließlich zu ihren Turnieren begleiteten, schuldig, sich wie eine Freundin zu verhalten. Und dazu gehörte es, dass man sich ab und zu mal meldete und vor allem zu den Geburtstagsfeiern von Freunden erschien. Ralf griff nach dem Hörer und wählte die Nummer von Annette. Nach dem dritten Klingeln nahm sie ab. „Ralf, schon wach?“ fragte sie erstaunt, als sie merkte, wer am anderen Ende der Leitung war. „Tja, man muss ja früh aufstehen, wenn man dich an den Hörer bekommen will,“ entgegnete Ralf. „Sag bitte nicht, dass du extra früh aufgestanden bist, nur um mich anzurufen.“ „Doch,“ antwortete Ralf. Annette schwieg. Was sollte sie dazu auch sagen? Ralf fuhr fort: „Weswegen ich anrufe. Du weißt ja, Micha hat am Samstag Geburtstag und feiert rein und ich wollte wissen, ob du schon weißt, was du ihm schenkst und ob wir ihm was zusammen schenken wollen.“ Annette schwieg wieder. In Gedanken ging sie ihre Termine durch und überlegte, wann sie wohl einen kurzen Besuch in der Stadt in ihrem Terminkalender einplanen könnte. Ralf interpretierte das Schweigen jedoch anders und fragte vorsichtig nach: „Du kommst doch zu seiner Geburtstagsfeier oder etwa nicht?“ „Doch, natürlich,“ antwortete Annette überrascht. „Ich frag ja nur, weil man dich in letzter Zeit so selten zu Gesicht bekommt.“ „Ja, aber das heißt ja nicht, dass ich nicht zu Michas Geburtstagsfeier kommen werde.“ „Und, wirst du auch Zeit finden ihm ein Geschenk zu kaufen?“ fragte Ralf und bereute die Frage im selben Moment. Er hatte nicht vor gehabt, sich mit Annette zu streiten oder ihre Vorwürfe zu machen. Er wollte einfach nur wissen, ob sie am Freitag kommen würde und ob sie etwas zusammen schenken würden. Doch nun hatte er es mit einer unüberlegten Frage verhauen. Bevor er dazu kommen konnte, sich zu entschuldigen, hatte Annette schon „Mach dir darum mal keine Sorgen“ gesagt und aufgelegt. Er hörte nur noch das Freizeichen in der Leitung.

    Annette schmiss den angebissenen Apfel wütend in den Mülleimer. Der Appetit war ihr vergangen. In letzter Zeit lief bis auf das Tanzen alles schief. Sie wusste dass Cordula sauer war, weil sie keine Zeit mehr für sie hatte. Auch Michael war am Samstag sehr enttäuscht gewesen, als sie ihre Verabredung abgesagt hatte. Und jetzt kam auch noch Ralf mit irgendwelchen dummen Sprüchen an. Aber auf der anderen Seite war er extra so früh aufgestanden, nur um sie ans Telefon zu bekommen. Doch irgendwie war Annette es auch leid ständig ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Was war eigentlich genau das Problem? War sie diejenige, die überempfindlich reagierte oder waren es ihre Freunde? Warum schienen sie zu denken, dass sie keine Zeit mit ihnen verbringen wollte? Ihr tat es doch selber leid, dass sie alle Verabredungen hatte absagen müssen und so viel Zeit in der Tanzschule verbringen musste. Aber was sollte sie auch anderes tun? Sie war jetzt ein Teil dieses Teams und sie konnte die anderen schließlich nicht einfach jetzt im Stich lassen, nur weil ihre Freunde eifersüchtig waren. Aber war es das wirklich? Waren ihre Freunde tatsächlich eifersüchtig? Und wenn ja, worauf? Dachten sie, dass ihr die Leute aus der Formation jetzt wichtiger waren als ihre langjährigen Freunde? Oder missgönnten sie ihr etwas den Erfolg? Aber das konnte Annette sich beim besten Willen nicht vorstellen. Außerdem waren es auch nur noch drei Wochen, bis die Saison wieder vorbei war, also kein Grund sich so aufzuregen. Wie dem auch sei, sie musste sich jetzt unbedingt fertig machen oder sie würde wieder zu spät zur Arbeit kommen und war dann bald nicht nur ihre Freunde los, sondern auch noch ihren Job. „Immerhin hätte ich dann noch mehr Zeit zum Trainieren,“ dachte sie betrübt, „und auch wieder mehr Zeit für meine Freunde.“

    Es war Freitag, 22 Uhr. Es schien nicht so, als würde Max in absehbarer Zeit das Training beenden. Annette warf erneut einen Blick auf die Uhr. Sie wusste, dass sie sich mehr auf die Schritte und ihre Bewegungen konzentrieren musste, aber sie wollte auf keinen Fall zu spät zu Michaels Geburtstag kommen. Zu spät war sie zwar ohnehin schon, da die Party bereits um 20 Uhr begonnen hatte, aber Annette hatte versprochen, dass sie spätestens um Mitternacht da sein würde, um gemeinsam in den Geburtstag hinein feiern zu können. Jetzt hoffte sie inständig, dass sie in der Lage wäre, dieses Versprechen auch tatsächlich einzulösen. „Noch mal von vorne,“ sagte Max gerade und stoppte die Musik. „Was ist los? Ihr seid alle extrem unkonzentriert,“ warf er ihnen vor. Franzi, die Teamchefin, die sie ebenfalls immer zu Höchstleistungen antrieb, entgegnete erschöpft: „Wir sind alle ziemlich müde. Ich glaube wirklich es wäre besser, wenn wir für heute aufhören würden, sonst wird das am Sonntag in Iserlohn wirklich eine Katastrophe.“ Alle, und besonders auch Max, warfen ihr erstaunte Blicke zu. Franzi war doch sonst immer so für Sondertraining. Aber jetzt sah sie wie alle anderen auch nur noch erschöpft und müde aus. Max schien ein Einsehen zu haben: „Na schön, noch einen Durchgang, dann könnt ihr gehen,“ sagte er und bevor er die Musik wieder startete fügte er noch hinzu: „Aber gebt euch Mühe!“
    Obwohl dieser letzte Durchgang wesentlich besser als die vorherigen lief, merkte man sehr deutlich, dass Max nicht zufrieden war. Ihm schien es zu widerstreben, sie jetzt schon gehen zu lassen, aber auf der anderen Seite war auch ihm klar, dass es nicht viel Sinn machte, sie jetzt noch weiter trainieren zu lassen. „Na schön, hören wir für heute auf,“ meinte er widerwillig. „Allerdings erwarte ich von euch, dass ihr jetzt alle sofort nach Hause fahrt und euch ausruht, damit wir morgen früh direkt um 8 Uhr weitermachen können.“ „Wie bitte?“ Alle starrten ihn entsetzt an. „Naja, ihr habt die Wahl,“ sagte er kalt, „entweder machen wir jetzt noch weiter oder wir treffen uns morgen halt früher.“ Da niemand Lust noch Kraft dazu verspürte, jetzt noch weiter zu trainieren, beschlossen sie am nächsten Morgen um 8 Uhr in der Tanzschule zu erscheinen. Murrend zogen sie ab. Annette war dieses Mal selber mit dem Auto gefahren. Eigentlich hatte sie vor, direkt nach dem Training zu Michael zu fahren, aber sie wusste, dass sie sich erst mal unter die Dusche stellen musste. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sie immer noch genügend Zeit haben würde, und vermutlich gegen 23 Uhr bei Michael sein konnte. Eigentlich hätte sie nach dem Duschen direkt ins Bett gehen sollen, so wie Max es gesagt hatte. Aber das konnte sie Michael und auch den anderen einfach nicht antun. Es würde zwar ziemlich große Folgen haben, wenn sie morgen wieder so unkonzentriert wäre, aber das war ihr im Augenblick egal. Sie musste ja nicht allzu lange auf der Party bleiben. Wenn sie gegen 1 Uhr wieder fuhr, würde sie immerhin noch sechs Stunden schlafen können und das musste erst einmal genügen. Vermutlich würden ihre Freunde wieder sauer sein, weil sie so früh wieder ging, aber vielleicht würde zumindest Michael sich freuen, dass sie überhaupt gekommen war. Und sie hatte es auch geschafft in ihrer Mittagspause schnell in die Stadt zu fahren und ein Geschenk zu besorgen. Dafür war zwar wieder einmal das Mittagessen drauf gegangen, aber sie hatte in der letzten Woche ohnehin weder besonders viel Hunger noch die Zeit zum Essen gehabt.
     
  4. HMJ821

    HMJ821 New Member

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    AW: *When the music fades*

    Es war 23 Uhr 04, als Annette schließlich bei Michael an der Haustür klingelte. Sie hatte schnell geduscht und sich umgezogen, ihre Haare waren noch nass, da sie keine Lust mehr gehabt hatte, sie auch noch zu föhnen. Aus der Wohnung konnte sie lautes Stimmengewirr und Musik hören. „Hoffentlich hat jemand mein Klingeln gehört,“ dachte sie gerade, als auch schon die Tür aufgerissen wurde und Cordula vor ihr stand. „Wow, mit dir hat keiner mehr gerechnet,“ sagte Cordula und umarmte Annette. Diese ignorierte die Bemerkung und ging an ihr vorbei in Michaels Wohnung. Der Gastgeber war gerade in der Küche im Gespräch mit einem Mann, den Annette nicht kannte. Nachdem Michael sie begrüßt hatte, stellte er ihr den Mann als einen Arbeitskollegen vor. „Schön, dass du gekommen bist,“ meinte Michael fröhlich. Er schien sich wirklich zu freuen, dass Annette gekommen war. Schnell griff er nach einem Teller und öffnete einen der Töpfe, die auf dem Herd standen. „Du hast bestimmt Hunger,“ sagte er und wollte gerade beginnen ihr den Teller zu füllen, doch Annette lehnte ab: „Eigentlich habe ich gerade gar keinen Hunger,“ entgegnete sie mit einem Blick auf die fettige Suppe, die sich in dem Topf befand. Michael sah sie zwar enttäuscht an, sagte aber nicht dazu und Annette fragte schnell nach, wo die anderen waren. „Im Wohnzimmer,“ antwortete Michael, „ich komme mit dir mit.“ Im Wohnzimmer saßen sowohl Cordula als auch Ralf, Maddin, Tetje und Oliver, die Annette nun einen nach dem anderen begrüßte. Bernhard war nicht gekommen, da er im Schillereck arbeiten musste. Außerdem befanden sich noch drei weitere Arbeitskollegen von Michael im Zimmer. Annette ließ sich neben Ralf auf die Couch fallen, obwohl auch neben Cordula noch ein freier Platz gewesen wäre. „Ich hoffe, du bist nicht mehr sauer, wegen dem, was ich am Telefon zu dir gesagt habe,“ sagte Ralf vorsichtig. Annette schüttelte den Kopf und murmelte: „Vergiss es einfach!“ Sie war viel zu müde und erschöpft um jetzt über so etwas zu reden, außerdem wollte sie es nicht riskieren, dass es an Michaels Geburtstag zu einem Streit kam. „Annette, du nimmst doch bestimmt auch ein Bier, oder?“ fragte dieser gerade und hielt ihr schon eine Flasche hin. „Kann ich vielleicht einfach nur ein Wasser haben?“ Annette wusste, dass sie morgen aufgrund des Schlafmangels schon unkonzentriert genug sein würde. Und auch wenn es nur ein Bier war, wollte sie es nicht riskieren, noch unausgeschlafener zu wirken. Annette sah, wie Cordula die Stirn runzelte, ignorierte es aber einfach. Michael reichte ihr ein Glas Wasser und sie trank ein paar Schlücke, bevor sie es auf dem Tisch abstellte. Irgendwie hatte sie mittlerweile doch Hunger. Aber auf der anderen Seite wurde ihr schon bei dem Gedanken an das fettige Essen, das Michael vorbereitet hatte, schlecht. Und sie konnte ihn ja kaum auch noch bitten ihr einen Obstsalat oder so was zu machen. Also ignorierte sie das Hungergefühl und lauschte stattdessen den Gesprächen der anderen. Sie redeten über irgendeine neue Fernsehsendung, die Annette noch nie gesehen hatte. Wie auch? Ihr Fernseher war schon seit Wochen nicht mehr an gewesen. Sie spürte die aufkommende Müdigkeit und schloss für eine Sekunde die Augen, öffnete sie aber gleich wieder, da sie sonst befürchtete einzuschlafen. Hoffentlich war es bald Mitternacht und sie konnte gehen. Sie warf einen schnellen Blick auf ihre Uhr. Komisch, es war erst 23 Uhr 27, aber sie fühlte sich als wäre sie schon seit Stunden hier gewesen. „Musst du noch weg?“ Cordula hatte bemerkt, dass Annette auf ihre Uhr gesehen hatte und starrte sie jetzt missmutig an. „Ich will nur nicht, dass wir Mitternacht verpassen,“ entgegnete Annette spitz. Es war das, was ihr am schnellsten eingefallen war. Was hätte sie auch sonst antworten sollen? „Ich bin total müde, und obwohl ich nicht mal eine halbe Stunde hier bin, will ich eigentlich nur nach Hause?“ Das ging ja wohl schlecht. Sie merkte, dass die Gespräche verstummt waren und alle sie anblickten. Hatte ihr jemand eine Frage gestellt, die sie nicht gehört hatte? „Michael wollte wissen, wann du morgen zum Training musst und wann am Sonntag das Turnier beginnt,“ erklärte Ralf hilfsbereit. Annette lächelte leicht verlegen, und erzählte dann, dass sie am nächsten Morgen bereits um 8 Uhr an der Tanzschule sein musste. Cordula runzelte die Stirn, sagte aber nichts dazu. Die Gespräche wandten sich wieder anderen Themen zu. Annette versuchte so gut wie möglich zuzuhören und sich auf die Themen zu konzentrieren, brachte sich aber selber kaum mit ein.
    Irgendwann war es dann endlich Mitternacht. Nachdem alle gemeinsam „Happy birthday“ gesungen hatten, gratulierten sie ihm alle einzeln und übergaben ihre Geschenke. Cordula hatte noch einen Schokoladenkuchen gebacken und Michael schlug vor, diesen gleich anzuschneiden. Schnell holte er Messer und Teller aus der Küche und schnitt riesige Stücke von dem Kuchen ab. Annette schluckte. Schon von dem Anblick der vielen Schokolade wurde ihr schlecht. Wenn man über lange Zeit sehr wenig gegessen hatte, musste man mit kleinen Portionen und vor allem nicht so fettigen Dingen wieder anfangen. Und abgesehen von Obst oder trockenen Brötchen hatte Annette in der letzten Zeit tatsächlich kaum etwas gegessen. Sie hatte einfach weder die Zeit einzukaufen, noch essen zu gehen und schon gar nicht um sich etwas vernünftiges zuzubereiten. Und da sie kein Fast Food wollte, hatte sie stattdessen immer nur Brötchen oder eben Obst gekauft. Aber wenn sie jetzt nicht wenigstens ein bisschen von dem Kuchen aß, würde Cordula vermutlich nie wieder mit ihr reden. Michael streckte Annette einen Teller hin, auf dem ein riesiges Kuchenstück lag. Sie nahm ihn, lächelte und gab ihn weiter an Ralf. Cordula schien etwas sagen zu wollen, doch Annette war schneller: „Kann ich ein etwas kleineres Stück haben?“ fragte sie und lächelte Michael an. „Bist du auf Diät?“ wollte Cordula wissen und starrte Annette erneut an. Annette beschloss die Frage und auch ihre Freundin zu ignorieren. Sie hatte keine große Lust auf Cordulas spitze Bemerkungen und auf keinen Fall würde sie es zu einem Streit kommen lassen. Offensichtlich verstand ihre Freundin sie im Moment tatsächlich nicht. Michael reichte ihr einen Teller auf dem ein wesentlich kleineres Stück lag, welches allerdings in Annettes Augen riesig wirkte. Sie hatte keine Ahnung, wie sie es aufessen sollte, ohne sich übergeben zu müssen. Michael reichte ihr eine Gabel und sie spießte langsam das erste Stück auf. Ralf hatte seinen Kuchen schon zur Hälfte gegessen. „Vielleicht konnte sie ihm unauffällig ihren Rest geben?“ dachte sie und betrachtete das winzige Stück, das auf ihrer Gabel steckte. Langsam steckte sie es in den Mund und kaute darauf rum. Es schmeckte eigentlich ziemlich gut, aber trotzdem hätte sie es am liebsten wieder ausgespuckt. Ein Gefühl der Übelkeit stieg in ihr auf, dennoch schluckte sie es tapfer herunter. Dann nahm sie einen Schluck von ihrem Wasser. Annette merkte, dass Cordula sie beobachtete, lächelte versöhnlich und meinte: „Schmeckt echt gut.“ „Ja, ist ja auch dein Lieblingskuchen,“ antwortete Cordula, schon wieder mit dieser Ironie in der Stimme. Dann stand sie auf und ging in Richtung Bad. Annette warf einen Blick auf Ralfs Teller, der mittlerweile fast leer war. Sie hasste sich dafür, aber gleichzeitig wusste sie, dass ihr praktisch keine andere Wahl blieb und die anderen Cordula bestimmt nichts verraten würden. Deswegen nahm sie Ralf seinen fast leeren Teller weg und drückte ihm stattdessen ihren in die Hand. Er sah sie fragend an, doch sie zuckte nur mit den Schultern, seine unausgesprochene Frage nicht beantwortend. Auch die anderen hatten sie angeblickt, aber wie sie erwartet hatte, sagte keiner etwas.

    Das Training am Samstag verlief ebenso katastrophal wie das am Freitag. Bis auf Nils, der Tanzpartner von Roxy, waren alle pünktlich um 8 Uhr an der Tanzschule gewesen. Max hatte sie erst einmal zwei Stunden joggen geschickt, da er der Auffassung war, dass sie viel zu wenig Kondition hätten, was man ja daran sehen könnte, wie schnell sie gestern Abend wieder ins Schwitzen gekommen waren. Die Strecke, die er für sie gewählt hatte, war natürlich extrem hügelig und ging nur bergauf und bergab, sodass sie alle nassgeschwitzt um 10 Uhr wieder in der Tanzschule eintrafen. Trotzdem waren die meisten irgendwie dankbar für die Idee mit dem Joggen, denn was ihnen abgesehen von Schlaf, Freizeit und Essen auch alle sehr fehlte war frische Luft und so hatten sie immerhin alle einen halbwegs klaren Kopf als sie zurückkamen. Doch obwohl sie sich sehr konzentrierten, lief nichts so wie es sollte. Oder zu mindestens nicht so, wie es nach Max Meinung laufen sollte. Er kritisierte die kleinsten Fehler und mäkelte an allem und jedem herum. Besonders streng war er mit Nils, den er damit offensichtlich für sein zu spät kommen bestrafen wollte. Zu guter letzt ließ er ihn noch länger in der Tanzschule bleiben, zum Sondertraining, während die anderen um 21 Uhr endlich nach Hause gehen durften.

    Tetje hatte an diesem Morgen Brötchen für alle geholt und Michael hatte den Frühstückstisch gedeckt. Bis auf seine Arbeitskollegen und Annette hatten alle bei ihm geschlafen, da die Party doch noch recht lange gegangen war. In der Nacht hatte sich keiner getraut, über Annette zu reden, da sie alle befürchteten, die gute Stimmung zu versauen, doch jetzt wo sie alle gemeinsam am Frühstückstisch saßen, beschloss Michael das Thema anzuschneiden, indem er fragte, wer denn am nächsten Tag nach Iserlohn zu dem Turnier fahren würde. „Ich nicht,“ erklärte Cordula direkt. „Was? Ist das dein Ernst?“ fragte Ralf entsetzt nach. „Ich meine, Annette ist doch deine beste Freundin und ich kann verstehen, dass du sauer auf sie bist, aber..“ „Ralf,“ unterbrach Cordula ihn, „es geht nicht darum, dass ich sauer auf Annette bin. Es geht auch nicht darum, dass ich sie nicht unterstützen will. Aber ich will einfach diesen Sport an sich nicht mehr unterstützen. Ich meine, die Hälfte der Leute da ist doch ganz sicher magersüchtig. So wie die Frauen alle aussehen. Habt ihr zum Beispiel die aus dem Team aus Wetter gesehen?“ Alle nickten, denn das war ihnen auch aufgefallen. „Aber was hat das mit Annette zu tun?“ wollte Tetje wissen. „Naja, magersüchtig ist sie natürlich nicht gerade,“ entgegnete Cordula, „aber sie hat definitiv abgenommen. Ich meine, sie hat ja gestern auch kaum was gegessen, und das obwohl sie gerade vom Training kam. Ich bin froh, dass sie wenigstens meinen Kuchen gegessen hat.“ Ralf schluckte. Er hatte sich eigentlich nicht wirklich etwas dabei gedacht, als Annette ihm ihr Stück Kuchen gegeben hatte, aber jetzt nachdem was Cordula gesagt hatte, machte er sich doch seine Gedanken. Nur, dass er ihr jetzt schlecht sagen konnte, dass sie den Kuchen gar nicht gegessen hatte. Doch da auch die anderen den Blick gesenkt hatten, und niemand etwas sagte, war es bereits zu spät. „Sie hat ihn doch gegessen, oder?“ fragte Cordula jetzt und sah misstrauisch in die Runde. Lügen hatte keinen Sinn, das wusste Ralf. Und außerdem würde er Annette damit auch nicht helfen können. Er schüttelte leicht den Kopf und sah Cordula an. Er hatte erwartet sie sauer zu sehen, oder auch enttäuscht, doch was er sah erschütterte ihn noch mehr. Cordula war extrem blass geworden und auf ihrer Stirn malten sich Sorgenfalten ab. Mehr zu sich selbst als zu den anderen sagte sie: „Unter dem Make-Up auf den Turnieren sieht man es ja nicht, aber sie hat so weiß ausgesehen und so müde. Sie hatte riesige Augenringe und ich hatte nicht den Eindruck, dass sie besonders glücklich ist.“ Hilflos sah sie in die Runde. „Ich mache mir wirklich Sorgen um Annette.“

    Trotz der schlechten Prognosen des Trainers und trotz der Unkonzentriertheit des Teams in den vergangenen Trainingsstunden lief der erste Durchgang wieder einmal perfekt und auch dieses Mal erreichte die Kölner Formation das große Finale. Annette hatte Michael und Ralf im Publikum entdeckt, von Cordula jedoch fehlte jede Spur. Es enttäuschte sie sehr zu sehen, dass ihre beste Freundin nicht gekommen war. Sie musste unbedingt mit Ralf und Michael reden, bevor sie erneut auf die Tanzfläche trat, denn sie wollte den Grund erfahren, weswegen Cordula nicht gekommen war. Mit dem Argument, dass sie viel unkonzentrierter wäre, wenn sie jetzt nicht mit ihren Freunden sprechen konnte, schaffte sie es sogar Max zu überzeugen sie gehen zu lassen. Er war zwar nicht sehr begeistert, erlaubte ihr aber dennoch für zehn Minuten zu ihren Freunden zu gehen. Schnell lief Annette von den Umkleiden aus in die Sporthalle. Zwischen der Vorrunde und dem großen Finale war immer eine halbe Stunde Pause für das Publikum, das sich in dieser Zeit am Büffet bediente oder sich draußen die Beine vertrat. Zum Glück entdeckte Annette Ralf direkt auf der mittleren Tribüne, wo sie ihn und Michael auch vorher schon gesehen hatte. Er war gerade in eines der Programmhefter vertieft und bemerkte Annette erst, als sie direkt vor ihm stand. „Hey,“ er strahlte sie an und umarmte sie. „Ich hab meinen Trainer überzeugt, dass ich ein paar Minuten zu euch rauskommen kann,“ erklärte Annette und ließ sich neben Ralf nieder. Über ihrem Kleid trug sie ihre Trainingsjacke, damit sie sich nicht erkältete. Außerdem hatte sie während der Pause von den unbequemen Tanzschuhen in Flip Flops gewechselt. Ralf sah sie bewundernd an, sie sah wirklich toll aus. Aber andererseits musste er an Cordulas Worte denken, dass sie unter dem ganzen Make Up wesentlich blasser und irgendwie krank aussah. „Cordula ist nicht gekommen, oder?“ fragte Annette gerade, in der Hoffnung, dass sie ihre Freundin vielleicht doch nur übersehen hatte. Doch Ralf schüttelte den Kopf. „Nein, tut mir leid, sie ist nicht hier.“ Als er Annettes traurigen Blick bemerkte, fügte er noch hinzu: „Aber das hat wirklich nichts mit dir zu tun. Es ist nicht so, dass sie dich nicht unterstützen will, aber sie will diesen Sport an sich einfach nicht mehr unterstützen.“ Annette sah ihn fragend an und Ralf erklärte weiter: „Naja, uns ist halt aufgefallen, wie dünn hier einige sind und wie...“ er suchte nach dem richtigen Wort, „...wie ungesund ihr teilweise ausseht.“ „Das ist doch Blödsinn,“ murmelte Annette, doch es klang längst nicht mehr so sicher wie es noch vor zwei Wochen geklungen hätte. „Annette, Cordula macht sich wirklich Sorgen um dich.“ „Das braucht sie nicht, mir geht es gut,“ sagte Annette scharf und stand auf. „Ich muss wieder zurück.“ „Warte,“ Ralf ergriff ihre Hand. „Kann ich vielleicht heute nach dem Turnier bei dir vorbeikommen? Ich müsste echt dringend mit dir reden.“ Annette wollte schon widersprechen, überlegte es sich aber im letzten Moment anders. Immerhin schien Ralf sie wirklich verstehen zu wollen und er schien auch daran interessiert zu sein, das Problem zwischen ihr und Cordula aus dem Weg zu räumen. „Ich bin wahrscheinlich gegen halb acht zurück.“ „Gut, ich bringe was zu essen mit,“ sagte Ralf und beobachtete genau, wie Annette reagierte. Doch sie zuckte bloß mit den Schultern und bevor sie wieder ging, murmelte sie noch „Tu was du nicht lassen kannst.“ Dann war sie wieder auf dem Weg Richtung Umkleiden. Warum hatte sie wieder so kühl und aggressiv reagiert? Offensichtlich machten Cordula und die anderen sich tatsächlich Sorgen um sie. Aber übertrieben sie oder war es wirklich nötig sich Sorgen zu machen? Langsam wusste sie es selber nicht mehr. Sie hatte nie gedacht, dass man sich innerhalb kürzester Zeit so verändern konnte, aber ein Blick in den Spiegel hatte ihr heute morgen verraten, dass sie sich in den vergangenen zwei Wochen tatsächlich um einiges geändert hatte. Sie hatte definitiv Gewicht verloren, allerdings nicht so viel, dass man sich um sie sorgen müsste. Es war ja auch normal, dass man abnahm, wenn man viel Sport machte. Aber dann hatte sie die tiefen Ringe unter ihren Augen bemerkt und sich erschrocken. Sie musste definitiv wieder mehr Zeit zum Schlafen finden. Während ihr an sich selber jedoch keine allzu großen oder schlimmen Veränderungen aufgefallen waren, war sie heute morgen, als sie an der Tanzschule angekommen war, umso mehr erschrocken. Sowohl Cindy als auch Roxy, die ja schon von vorneherein sehr dünn gewesen waren, hatten noch mehr abgenommen. Sie wirkten fast schon zu dünn, und Annette war sich sicher gewesen, dass man, hätten sie nicht ihre Trainingsjacken angehabt, ihre Knochen hätte sehen können. Auch Jessica und Jaqueline waren ihr unangenehm aufgefallen. Die Beiden waren so blass gewesen, dass man fast den Eindruck haben konnte, Toten gegenüber zu stehen und ihre Augenringe waren wesentlich tiefer gewesen als ihre eigenen. Hinzu kam, dass es im Teambus kaum noch Gespräche gab. Die meisten schliefen während der Fahrt oder hörten Musik. Das Lachen war aus ihren Gesichtern verschwunden. Erst jetzt fiel Annette auf, dass auch ihr selber Tanzen keinen Spaß mehr machte. Es war eine Pflicht geworden, und sie war es den anderen schuldig diese Pflicht zu erfüllen. Aber Spaß machte es nicht mehr jeden Tag vier Stunden zu trainieren, schon gar nicht weil von Max Seite aus keinerlei Motivation kam. Er lobte das Team nicht einmal, sondern kritisierte sie immer nur und meckerte rum, wenn ihm etwas nicht gefiel. „Noch zwei Turniere,“ dachte Annette, „dann vielleicht noch die Relegation und dann ist alles vorbei.“ Danach würde sie mit dem Tanzen aufhören und es als eine Erfahrung abbuchen. Aber würde sie das wirklich tun? Was, wenn sie tatsächlich die Chance hatten in der nächsten Saison ganz vorne in der Bundesliga zu tanzen? Würde sie sich diese Möglichkeit tatsächlich entgehen lassen? Und vor allem konnte sie das dem Team antun? Sie wusste, dass es im Augenblick niemanden gab, der ihre Position übernehmen konnte, oder zu mindestens niemanden, den Max als gut genug empfand, als dass er in der Lage gewesen wäre, auf ihrer Position zu tanzen. „Da bist du ja wieder,“ sagte Max, als Annette die Umkleide betrat und riss sie damit aus ihren Gedanken, die jetzt ohnehin zu keinem Ergebnis geführt hätten. „Ja, danke,“ entgegnete Annette und betrachtete ihren Trainer zerstreut. Sie hatte ihn eigentlich immer gemocht und zu ihr war er bisher auch immer nett gewesen. Natürlich hatte er auch bei ihr Dinge kritisiert, aber es war nie so schlimm wie bei manchen anderen gewesen. Aber vielleicht war das auch alles nur Show gewesen, um sie in seine Formation zu bekommen. So freundlich er auch zu ihnen war, irgendwie hatte er es geschafft, dass sie alle sich wie ein seelisches Wrack fühlten und noch schlimmer auch so aussahen. Seine Worte waren immer streng gewesen, aber er war nie unhöflich, beleidigend oder gemein gewesen. „Wahrscheinlich ist gerade das das Schlimme,“ dachte Annette. Dadurch, dass er immer relativ nett gewesen war, hatten sie jede seiner Anweisungen befolgt. Aus irgendeinem Grund wollten sie ihm nicht wehtun, indem sie das Gegenteil von dem taten, was er sagte. Selbst am Freitag als sie das winzige Stückchen Kuchen gegessen hatte, hatte sie mit schlechtem Gewissen an Max gedacht. Aber warum eigentlich? Wieso hatte ihr Trainer sich so in ihre Gedanken eingeschlichen? Annette wusste, dass es allen anderen ähnlich ging, aber sie hatte keine Ahnung, was dagegen zu tun war und ob es überhaupt etwas gab, dass sie tun konnte. Denn sie wollte weder ihre Freundschaften zerstören, noch Unruhe in die Formation bringen oder ihren Trainer und die Teammitglieder verraten. Denn sie war sich sicher, dass niemand von ihren Freunden verstehen würde, was im Moment vor sich ging. Im Gegenteil, sie würden es bloß falsch interpretieren. Und außerdem verstand Annette selber kaum noch, was gerade geschah.

    Das große Finale lief mindestens genauso gut, wenn nicht sogar noch besser als die Vorrunde. Wenn sie auf der Bühne standen, merkte ihnen keiner mehr die Anstrengungen der vergangenen Woche an. Sobald man vor Publikum auftrat, war irgendwie alles anders. Man war viel konzentrierter, und für sechs Minuten, für einen einzigen Durchgang machte das Tanzen wieder Spaß und man wusste wieder wofür man Tag für Tag trainierte. Morgen beim Training würde die Stimmung wieder komplett anders sein, aber für jetzt war Tanzen das Beste, was es im Leben der Tanzpaare des RTK gab.
    Im Team aus Wetter hingegen war alles komplett anders. Sie waren von ihrem Trainer so unter Druck gesetzt worden, dass für sie einzig und allein die Perfektion zählte. Alles musste perfekt sein, Tanzen machte ihnen schon lange keinen Spaß mehr und selbst während sie auf der Bühne standen, konnten sie nicht loslassen und einfach nur tanzen, sondern sie konzentrierten sich so sehr auf jeden einzelnen Schritt, dass es ihnen völlig an Ausstrahlung fehlte.
    Im Gegensatz zu diesen beiden Teams stand noch die Formation aus Iserlohn. Man merkte deutlich wie sehr es diesen Menschen Spaß machte zu tanzen. Sie genossen die Atmosphäre in ihrer Heimatstadt und den Applaus des Publikums. Allerdings schienen sie nicht jeden Tag in der Woche zu trainieren, denn in ihre Choreographie schlichen sich einige deutliche Fehler ein. Die Frage war, was einem wichtiger war. Die Perfektion oder etwas zu machen, was einem Spaß machte?
    Für die fünf Wertungsrichter stellte sich diese Frage nicht. Ihnen war klar, dass eine Kombination aus beidem wichtig war. Und die beste Kombination hatte nach ihrer Ansicht eindeutig das Team aus Köln erreicht, wofür sie ihnen die Wertung 1-1-1-2-1 gaben. Sie hatten sich wieder einmal gesteigert. Das Team aus Wetter landete abermals auf dem zweiten Platz, gefolgt von Münster auf dem dritten und dieses Mal dem Team aus Iserlohn auf dem vierten. „Endlich mal eine Formation, die sich über ihre Platzierung freut,“ dachte Annette und beobachtete die Iserlohner, die sich alle begeistert umarmten und gegenseitig gratulierten. Wie viel lieber wäre sie in einem Team, dass sich so über einen vierten Platz freuen konnte. Zwar feierte man selbstverständlich auch im Kölner Team den ersten Platz, aber die Stimmung war längst nicht so ausgelassen, wie bei Iserlohn. Und auf dem Rückweg im Teambus, lagen sie alle nur erschöpft in ihren Sitzen und schliefen. Sie wollten nach Hause in ihre Betten, denn am nächsten Tag wartete ein weiterer vierstündiger Trainingsmarathon auf sie.

    Ralf und Michael hatten auf der Rückfahrt nicht besonders viel miteinander geredet. Irgendwie waren sie beide in ihre eigenen Gedanken versunken gewesen. Sie hatten fast den ganzen Samstag damit zugebracht, Cordula dazu zu überreden doch mitzukommen, aber sie hatte sich geweigert, und irgendwie konnte Ralf es verstehen. Aber war es wirklich der richtige Weg Annette zu helfen? Was, wenn dadurch die Freundschaft zwischen den beiden Freundinnen komplett zerbrach? Er wusste, dass Cordula mit einem guten Hintergedanken handelte, aber ob das Ergebnis ebenso gut werden würde, bezweifelte er. Er musste Annette unbedingt dazu bringen, sich bald mit Cordula zu treffen, damit die beiden endlich ihre Probleme klären konnten. Er war froh gewesen, dass Annette zugestimmt hatte, sich heute Abend mit ihm zu treffen, denn er musste sich unbedingt ein eigenes Bild von der Situation machen. Mit Cordula hatte er ja bereits geredet und jetzt musste er sicher gehen, ob ihre Sorgen wirklich berechtigt waren, obwohl er mittlerweile befürchtete, dass es tatsächlich so war.
     
  5. HMJ821

    HMJ821 New Member

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    Als Ralf um 19 Uhr 33 vor Annettes Haustür hielt, war sie bereits da, denn in ihrer Wohnung brannte Licht. Er nahm die beiden Pizzen vom Beifahrersitz, stieg aus und ging die wenigen Schritte zu ihrer Haustür. Annette schien bereits auf ihn gewartet zu haben, denn kaum hatte er die Klingel betätigt, drückte sie ihm auch schon auf. Sie wartete an der Tür auf ihn und schloss schnell die Tür hinter ihm, was wahrscheinlich daran lag, dass sie nur eine kurze Shorts und ein einfaches Top trug. Scheinbar hatte sie gerade erst geduscht, dachte Ralf und umarmte Annette. Er hielt die Pizzen hoch und sagte fröhlich „Pizzataxi ist da!“ Annette lächelte leicht und sagte, dass sie kurz in die Küche gehen würde, um Messer und Teller zu holen. Kurz danach kam sie zurück und stellte die Sachen sowie eine Flasche Orangensaft und Gläser auf den Wohnzimmertisch. „Ich habe leider nichts anderes da,“ meinte sie entschuldigend. Bald könnte sie ihren Kühlschrank tatsächlich ausstellen. Sie hatte nur noch ein Glas Marmelade, etwas Margarine und zwei Eier. „Orangensaft, wie gesund,“ lachte Ralf, und Annette wusste, dass es nicht böse gemeint war. Während sie ihm ein Glas einschenkte, machte er die Pizza Kartons auf. Der Geruch stieg ihr in die Nase und sie dachte daran, dass sie bis auf eine Birne wieder den ganzen Tag nichts gegessen hatte. Natürlich würde sie auf keinen Fall eine ganze Pizza schaffen, aber sie musste wenigstens ein bisschen davon essen, schon alleine Ralf zuliebe. Dieser schnitt gerade die beiden Pizzen in große Stücke. „Hawaii oder Funghi?“ wollte er wissen und baggerte Annette nach ihrer Antwort ein ziemlich großes Stück Hawaii-Pizza auf einen Teller, den er ihr anschließend reichte. Ralf biss hungrig in sein eigenes Funghi-Pizza-Stück, während Annette ihr Stück kritisch betrachtete. Ihr war schon wieder schlecht, aber vermutlich lag es einfach daran, dass sie nichts gegessen hatte und etwas zu essen würde ihr vielleicht gut tun. Vorsichtig biss sie ein kleines Stück der heißen Pizza ab und kaute lange darauf herum. Ralf ließ es sich nicht anmerken, aber er beobachtete Annette ganz genau. Und als er sah, wie langsam sie auf ihrem Pizzastück herum kaute, bevor sie es hinunter schluckte, wusste er plötzlich, dass Cordula sich zu Recht Sorgen um ihre Freundin machte. Er ließ sein Stück Pizza sinken und sah Annette ernst an. „Was ist eigentlich los mit dir?“ fragte er vorsichtig. Annette schluckte. Sie hatte ja damit gerechnet, dass er so etwas fragen würde, aber sie hatte sich keine Gedanken gemacht, was sie ihm antworten sollte. Wie konnte sie ihm die Wahrheit sagen ohne den Tanzsport und besonders Max in ein schlechtes Licht zu rücken? Annette stellte den Teller mit dem angebissenen Stück Pizza auf dem Tisch ab. Jetzt war ihr der Appetit vollkommen vergangen. „Wie meinst du das?“ wollte sie wissen, aber im Grunde genommen fragte sie nur um Zeit zu gewinnen. „Naja, dass du lange nicht mehr vernünftig geschlafen hast, sieht ja ein Blinder. Und das ist wahrscheinlich auch verständlich, so viel und oft wie ihr trainiert. Aber mir, oder besser gesagt uns, ist auch aufgefallen, dass du na ja,“ Ralf suchte nach den richtigen Worten, - Worte, die Annette nicht verletzen sollten, aber er wollte es trotzdem so direkt wie möglich sagen, „dass du abgenommen hast.“ So, jetzt war es also raus, dachte er erleichtert und sah sie gespannt an. Wie würde sie reagieren? „Ihr habt also über mich geredet,“ sagte Annette. Es war nicht als Vorwurf gemeint, eher eine Feststellung mit der sie wieder einmal eine ungestellte Frage umging. „Annette, wir machen uns Sorgen um dich,“ sagte Ralf. Jetzt wo er einmal angefangen hatte zu reden, war es plötzlich alles viel einfacher. „Ich möchte das einfach gerne mit dir klären, vielleicht ist ja auch einfach alles nur ein riesiges Missverständnis, aber zum Beispiel am Freitag, auf Michaels Geburtstagsfeier, hast du nichts gegessen. Nicht einmal deinen Lieblingskuchen. Cordula hat sich extra entschieden diesen Kuchen zu backen, weil sie wusste, dass du ihn auch gerne isst.“ Annette erschrak. Wollte Ralf etwa damit andeuten, dass Cordula wusste, dass sie den Kuchen nicht gegessen hatte? Ralf schien ihre Gedanken erraten zu haben, denn er meinte: „Sie weiß, dass du ihn nicht gegessen hast. Aber sie ist wirklich nicht sauer, sie macht sich einfach nur Sorgen um dich.“ „Unnötigerweise,“ entgegnete Annette nur. Ihr fehlten sowohl die richtigen Worte als auch die Kraft um Ralf auch nur ansatzweise klar machen zu können, was im Moment in ihr vorging. „Und was ist mit deiner Pizza? Oder habt ihr auf dem Rückweg irgendwo gehalten und gegessen?“ Annette schwieg. Wie einfach wäre es jetzt zu behaupten, dass sie bereits gegessen hatte. Ralf wäre beruhigt, würde gehen und sie konnte endlich ins Bett gehen. Aber sie konnte ihn nicht anlügen und deshalb schwieg sie, was Ralf auch direkt richtig interpretierte. „Also nicht,“ stellte er richtig fest. „Was hast du heute überhaupt gegessen?“ „Ralf, das ist doch total...“ „Beantworte doch einfach die Frage,“ unterbrach Ralf Annettes Worte. Eine Birne? Und ein Stück Zwieback von Franzi? Das konnte sie ihm ja schlecht sagen. Sie entschloss sich für Plan B, indem sie einfach behauptete, dass ihr in letzter Zeit einfach immer irgendwie etwas schlecht war. Was ja auch stimmte. Allerdings war es nicht so, dass ihr schlecht war und sie deshalb nichts aß, sondern das Gegenteil war der Fall. Ihr war schlecht, weil sie nichts aß. Doch das musste sie Ralf ja nicht unbedingt sagen. Wahrscheinlich würde er es sich ohnehin denken. „Okay,“ sagte Ralf jetzt. Was blieb ihm auch anderes übrig, als diese Antwort zu akzeptieren? Obwohl er sich mittlerweile ziemlich sicher war, dass noch mehr hinter alledem steckte, konnte er Annette jetzt kaum unterstellen, dass sie log. Also fragte er: „Und, wie geht es dir sonst so?“ „Gut,“ antwortete sie leise. Sie merkte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Ralf und scheinbar auch die anderen machten sich wirklich Sorgen um sie, und das obwohl sie in den letzten Wochen kaum Zeit für sie gehabt hatte. Plötzlich fühlte sich sehr einsam. Sie brauchte jemanden, mit dem sie reden und dem sie alles erzählen konnte. Annette war klar, dass Ralf ihr zuhören würde, aber sie wusste nicht, ob er sie verstehen würde. Und sie wollte nicht alles nur noch schlimmer machen, sie wollte nicht, dass sich ihre Freunde noch mehr Sorgen um sie machten.
    „Annette?“ Ralf war aufgestanden und sah sie besorgt an. Wenn er jetzt zu ihr kam, würde sie wirklich in Tränen ausbrechen. „Es ist wirklich alles in Ordnung,“ flüsterte sie deshalb schnell, doch Ralf hatte sich bereits neben sie gesetzt und legte einen Arm um sie. Annette versuchte ein letztes Mal die Tränen irgendwie zurückzuhalten, doch es hatte keinen Sinn, als Ralf sie in den Arm nahm, flossen bereits die ersten Tränen ihre Wangen hinunter. Ralf, der nicht mit so einem plötzlichen Tränenausbruch gerechnet hatte, war im ersten Moment völlig hilflos und überfordert. Sollte er etwas sagen, nachfragen, was los war, oder einfach abwarten bis Annette sich beruhigt hatte? Er entschloss sich für Letzteres, und drückte sie fest an sich, während er ihr beruhigend über den Kopf strich, was Annette nur dazu brachte, noch stärker zu weinen.
    Es verging eine ganze Weile, bis Annette sich einigermaßen beruhigt hatte und Ralf es wagte etwas zu sagen. „Annette?“ fragte er vorsichtig und strich sanft ein paar der Tränen aus ihrem Gesicht. „Frag nicht,“ flüsterte Annette leise und Ralf schwieg wieder. Es war offensichtlich, dass sie jetzt nicht darüber reden wollte, was auch immer es war. Sie legte ihren Kopf auf seinem Schoß ab, während Ralf ihr weiter gedankenverloren über die Haare strich. Also ging es Annette doch nicht so gut, wie sie behauptete, dachte Ralf, froh darüber, dass sie ihm diese Tatsache zwar indirekt aber immerhin endlich gestanden hatte. Aber was war es genau, dass Annette so bedrückte? War es nur, weil sie und Cordula sich in den letzten Wochen so entfremdet hatten? Oder war es die Erschöpfung und die Anstrengung der vergangenen Wochen, die nun ihren Tribut forderten? Oder steckte noch etwas anderes dahinter, das Annette ihren Freunden bisher verschwiegen hatte? Erst als Ralf ihr blasses Gesicht betrachtete, fiel ihm auf, dass Annette eingeschlafen war.
    Zum Glück hatte Annette keinen besonders tiefen Schlaf, denn sie wurde bereits von den kleinsten Geräuschen wach. Deshalb hörte sie auch den Wecker, der in ihrem Schlafzimmer fröhlich vor sich hinklingelte, sonst wäre sie an diesem Morgen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von ihrem Chef gefeuert worden. Denn Ralf schlief tief und fest und bekam nichts mit. Leise stand Annette auf und ging schnell in das Schlafzimmer, um den Wecker abzuschalten. Sie hoffte inständig, dass Ralf weiterschlafen würde. Sie dachte an den vergangenen Abend zurück, und spürte einen Anflug von Scham in sich aufsteigen. Was würde Ralf jetzt von ihr denken? Schnell ging sie ins Badezimmer und unter die Dusche. Sie musste sich dringend etwas einfallen lassen. Was sollte sie ihm bloß zu gestern Abend sagen? In gewisser Weise hatte er natürlich ein Recht auf eine Erklärung, aber Annette war sich nicht sicher, ob sie ihm eine geben konnte. Zu mindestens keine, die in irgendeiner Form auch nur den Hauch eines Sinns machte.

    Ralf wurde von dem Plätschern des Wassers in der Dusche wach. Verschlafen sah er sich um. Er fühlte sich irgendwie extrem steif, und seine Beine waren so taub, dass er sie kaum bewegen konnte. Wo war er? Er sah sich um und erkannte, dass er sich in Annettes Wohnung befand. Der gestrige Abend kam in sein Gedächtnis und er erinnerte sich daran, wie Annette auf seinem Schoß eingeschlafen war. Deshalb fühlte er sich auch so steif. Um seine Beine wieder etwas in Schwung zu bekommen, setzte er sich auf und bewegte sich hin und her. Es tat für einige wenige Minuten ziemlich weh, dann kam das Gefühl in die Beine zurück. Vorsichtig stand er auf. Erst jetzt bemerkte er die beiden Kartons mit den nahezu unberührten Pizzen. „Zum Wegschmeißen sind die eigentlich zu schade,“ dachte er und schloss die Kartons. Dann beschloss er, dass sie sich vermutlich im Kühlschrank mindestens noch bis zum Abend halten würden und schlurfte los in Richtung Küche. Er öffnete die Kühlschranktür und schob die beiden Kartons hinein. Genügend Platz war ja. Entsetzt stellte er fest, dass sich in Annettes Kühlschrank nichts weiter als eine Flasche Wasser, Wein, Marmelade, Margarine und zwei Eier lag. Er schüttelte den Kopf. Egal, was Annette sagte, er würde sie dazu bringen ihm eine Liste zu schreiben, damit er für sie einkaufen konnte. Kein Wunder, dass ihr schlecht war, wenn in ihrem Kühlschrank nichts vorhanden war, womit sie ihren Magen füllen konnte. Die Möglichkeit, die Cordula indirekt angedeutet hatte, dass Annette vielleicht freiwillig nichts in ihrem Kühlschrank haben konnte, schob er beiseite. Es war ganz sicher so, dass sie einfach keine Zeit zum Einkaufen hatte und deshalb nichts mehr zu essen. Langsam ging er zurück in Richtung Wohnzimmer. Er wollte gerade die beiden ebenfalls noch fast gefüllten Gläser des vergangenen Abends in die Küche bringen, als die Tür des Badezimmers aufging und Annette heraus kam. Ralf erschrak genauso wie Annette, die nur ein Badehandtuch um den Körper gewickelt hatte, das sie jetzt noch fester um sich schlang. „Ich wusste nicht, dass du wach bist,“ murmelte sie verlegen und dann: „Ich habe dich doch nicht geweckt, oder?“ „Nein, quatsch,“ Ralf schüttelte schnell den Kopf und Annette lächelte unsicher, bevor sie im Schlafzimmer verschwand und die Tür hinter sich zuzog.
    Wenige Minuten später kam sie wieder aus dem Schlafzimmer heraus. Sie hatte sich einen Rock und ein Shirt angezogen, und die nassen Haare in ein Handtuch gewickelt. „Ich würde dir ja was zum Frühstück anbieten, aber ich habe nichts da,“ sagte Annette entschuldigend und ging in die Küche. „Gibst du dich auch mit Tee zufrieden?“ „Ja, tu ich,“ entgegnete Ralf, der hinter ihr in die Küche getreten war und ihr jetzt die Teekanne entnahm. „Mach du dich fertig, ich mach das schon.“ Er warf einen Blick auf die Uhr. 7 Uhr 49. Annette musste erst um halb neun im Büro sein und brauchte zu Fuß gerade mal zehn Minuten. Wenn er sie fuhr, wäre sie in etwa drei Minuten da, also noch mehr als genügend Zeit. Er füllte den Wasserkocher, holte die Teekanne aus dem Schrank und bereitete den Tee vor. Das Wasser würde noch ein paar Minuten brauchen, bis es kochte, deswegen ging er zu Annette, die im Badezimmer stand und sich die Haare föhnte. Er hatte sich einen Zettel und Stift geschnappt und blickte Annette jetzt erwartungsvoll an. „Also, was brauchst du alles?“ wollte er wissen. „Was?“ Sie sah ihn verständnislos an. „Wovon redest du?“ „Von Lebensmitteln,“ entgegnete Ralf, als wenn das selbstverständlich wäre. „Dein Kühlschrank ist leer, du hast keine Zeit zum Einkaufen, also werde ich das für dich übernehmen.“ „Ralf, das ist echt lieb von dir, aber total unnötig,“ antwortete Annette, obwohl sie genau wusste, dass Ralf nicht locker lassen würde. „Wieso? Weil du sie ohnehin nicht isst, oder weswegen?“ Ralf wusste, dass seine Worte ziemlich hart klangen, aber scheinbar blieb ihm keine Wahl. Annette lachte leicht auf, aber es klang nicht besonders fröhlich. „Du klingst wie Cordula.“ „Und du hast meine Frage nicht beantwortet.“ „Und außerdem,“ sagte Annette, seinen Einwand ignorierend, „stellt man sich nicht mitten in die Badezimmertür, wenn andere Menschen sich fertig machen wollen.“ Sie deutete an, dass sie die Tür schließen wollte. Seufzend trat Ralf zurück. Wenn Annette ihm nicht sagte, was sie haben wollte, würde er halt irgendetwas kaufen. Und ihm war es egal, was sie sagte, er würde sie nach dem Training abholen, nach Hause bringen und solange bleiben, bis er sicher gehen konnte, dass sie was gegessen hatte. Wenn es nötig war, jeden Abend. „Das ist das Gute an meinem Job,“ dachte er. „Ich kann zur Arbeit kommen und gehen wann ich will, hauptsache ich erledige meine Aufgaben.“

    Annette ließ sich müde auf dem Badewannenrand nieder. Sie hatte zwar in etwa neun Stunden geschlafen, - so viel wie schon lange nicht mehr, aber sie fühlte sich trotzdem als hätte sie die Nacht durchgemacht. Sie hatte Hunger, wusste aber dass sie weder etwas im Haus hatte, noch die Zeit sich auf dem Weg zur Arbeit etwas zu holen. Langsam steckte sie ihre Haare zu einem Zopf zusammen und besah sich ein letztes Mal prüfend im Spiegel. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass es erst kurz nach acht war. Heute war sie wirklich mehr als pünktlich. Da sie sich nicht ewig im Badezimmer einschließen konnte, stand sie langsam auf, öffnete die Tür und ging zu Ralf in die Küche. Auf der Anrichte stand eine Tasse mit dampfendem Tee für sie. Ohne Ralf anzusehen, griff sie danach und trank langsam ein wenig. Ralf beobachtete sie eine Weile, bevor er sagte: „Ich kaufe sowieso für dich ein, egal ob du mir sagst was du willst oder nicht.“ „Ralf,...“ begann Annette, wurde aber sofort von ihm unterbrochen: „Mir egal, was du sagst. Ich will es nicht hören. Ich kaufe für dich ein, und dann hole ich dich heute Abend von der Tanzschule ab und lasse dich nicht ins Bett gehen, bevor du nicht etwas gegessen hast. Wann hast du Trainingsschluss?“ Annette schwieg, doch das schien Ralf nicht im geringsten zu stören. „Schön, wenn du es mir nicht sagst, werde ich halt ab 20 Uhr da warten.“ „Meistens um 22 Uhr, manchmal auch später,“ antwortete Annette resignierend. Sie sah, dass Ralf wild entschlossen war und hatte weder die Kraft noch die Lust mit ihm zu diskutieren. Wenn er sie unbedingt abholen wollte, sollte er das halt tun. Sie wusste, dass er es nur gut meinte, aber ihr war das alles irgendwie ziemlich unangenehm. Immerhin war Ralf noch nicht auf den gestrigen Abend zu sprechen gekommen, dachte sie dankbar. Bevor es dazu kommen konnte, stellte sie ihre Tasse ab und sagte: „Ich muss jetzt wirklich los.“ „Ja, gut, ich fahre dich,“ entgegnete Ralf und bevor Annette widersprechen konnte, saß sie schon in seinem Auto.
     
  6. HMJ821

    HMJ821 New Member

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    Ralf sah ungeduldig auf die Uhr. 17 Uhr 29. Die Zeit wollte einfach nicht vergehen. Er hätte eigentlich genug zu arbeiten gehabt, aber er konnte sich einfach nicht auf die Papiere, die vor ihm lagen, konzentrieren und jedes Mal wenn er einen Blick auf seinen Bildschirm warf, verschwammen die darauf stehenden Worte und andere Bilder erschienen vor seinem inneren Auge. „Hat ja doch keinen Sinn,“ sagte er laut, und begann seine Sachen zusammenzupacken und den Computer herunterzufahren. Er hatte sich mit Cordula um 18 Uhr bei ihr zu Hause verabredet. Jetzt würde er zwar zu früh da sein, aber auch egal. Im Notfall würde er draußen im Auto warten, bis sie von der Arbeit nach Hause kam. Aber hier rum zu sitzen und Zeit totzuschlagen, machte auch nicht besonders viel Sinn.
    Als er in die Schillerstraße einbog, sah Ralf gleich, dass in Cordulas Wohnung Licht brannte. „Sie ist also schon zu Hause,“ dachte er und parkte den Wagen unter der Straßenlaterne. Dann ging er die wenigen Meter zu dem Haus in dem Cordula wohnte und klingelte an ihrer Tür. Auch sie schien auf Ralf gewartet zu haben, denn bereits nach wenigen Sekunden hörte er das vertraute Surren des Türöffners und betrat das Haus. „Hey, na wie geht´s?“ begrüßte Cordula ihn schnell an ihrer Wohnungstür und ließ ihn hinein. Ralf ging nicht auf die Frage ein, sondern legte nur schnell seine Jacke ab und setzte sich dann auf Cordulas Sofa: „Du hast Recht gehabt,“ begann er, „ich mache mir auch Sorgen um Annette.“ „Was ist passiert?“ fragte Cordula angstvoll und Ralf erzählte ihr was sich gestern Abend ereignet hatte. Nachdem Cordula alles gehört hatte, schüttelte sie ungläubig den Kopf. „Ich verstehe das alles nicht,“ flüsterte sie. „Warum redet Annette nicht mit mir? Sie ist doch meine beste Freundin, warum kommt sie dann nicht zu mir und sagt mir, weswegen es ihr schlecht geht?“ „Vielleicht, weil sie denkt, du würdest es nicht verstehen,“ versuchte Ralf Cordula zu trösten. Er wollte nicht darüber diskutieren, warum es Annette schlecht ging, er wollte von Cordula hören, was zu tun war, denn er selber fühlte sich ziemlich hilflos. „Vielleicht schämt sie sich auch aus irgendeinem Grund,“ fügte er noch hinzu, nachdem Cordula nicht reagierte. Plötzlich griff sie nach seinen Händen und sah sie ernst an. „Ralf, du musst ihr helfen,“ bat sie eindringlich. „Auf mich würde sie im Moment ja sowieso nicht hören, aber auf dich vielleicht. Bitte, bitte, hilf ihr,“ flüsterte Cordula verzweifelt. „Aber wie?“ fragte Ralf mindestens genauso verzweifelt. Dass er Annette helfen wollte, stand ja außer Frage, aber er wusste einfach nicht was er tun sollte. Er hatte Angst etwas zu tun, dass Annette dazu brachte auf ihn genauso ablehnend zu reagieren, wie sie im Augenblick auf Cordula reagierte. „Sei einfach für sie da,“ antwortete Cordula wieder etwas gefasster, „vielleicht redet sie ja doch mit dir darüber. Und ansonsten. Sorg einfach dafür, dass sie wieder mehr isst.“ „Cordula, denkst du nicht, dass es besser wäre wenn du mal mit ihr redest? Ich meine, ihr könnt euch doch nicht ewig gegenseitig ignorieren.“ „Ja, ich weiß.“ Cordula senkte den Blick. „Ich hab einfach Angst, dass ich im Gespräch, na ja, in gewisser Weise ausraste und ihr Vorwürfe mache und dann hätte ich alles kaputt gemacht. Und das will ich nicht. Ich will, dass es wieder so ist, wie früher,“ flüsterte sie leise. Ralf nickte. Genau das wollte er auch. Einfach die Zeit um ein halbes Jahr zurückdrehen. „Ich werde auf jeden Fall noch mit ihr reden,“ sagte Cordula gerade, „aber so ein Gespräch darf nicht unter Zeitdruck geführt werden. Wenn Annette die Zeit hat mit mir zu reden, bin ich da.“ Sie stand auf und ging in die Küche. „Ich hab übrigens ein paar Sachen für sie eingekauft, die kannst du nachher mitnehmen.“ „Danke,“ murmelte Ralf. Da er selber keine Ahnung gehabt hatte, was er kaufen sollte, war er wirklich dankbar, dass Cordula ihm das abgenommen hatte.

    Ralf lud die Sachen, die Cordula besorgt hatte, in seinen Wagen und fuhr los zur Tanzschule. Es war 21 Uhr 54 als er dort ankam. Da noch jede Menge andere Autos vor dem Gebäude geparkt waren, ging er nicht davon aus, dass Max das Training schon beendet hatte. Er überlegte kurz, ob er hineingehen sollte, entschied sich aber dagegen, da er nicht wusste, wie der Trainer darauf wohl reagieren würde. Nachher bekam Annette noch seinetwegen Schwierigkeiten, und das wollte er natürlich vermeiden. Ralf dachte über den Abend mit Cordula und ihr Gespräch nach. Er konnte sie wirklich verstehen. Im Moment war es tatsächlich nicht einfach an Annette heranzukommen und Cordula wollte einfach um keinen Preis ihre Freundschaft zerstören. Vielleicht konnte sie so aus dem Hintergrund Annette tatsächlich besser helfen.
    Die Tür zur Tanzschule flog auf und ein Mädchen kam herausgerannt. Obwohl es nicht besonders warm draußen war, trug sie nur einen kurzen Rock und ein T-Shirt. Ralf kannte sie. Sie war eine von den Zwillingen, die mit Annette zusammen in dieser Saison das Tanzen angefangen hatten. Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie tränenüberströmt war. Was war bloß passiert? Das Mädchen war so aufgelöst, dass sie gar nicht darauf achtete, wo sie hinlief, dass sie einfach auf die Straße rannte. Das Ganze passierte so schnell, dass Ralf keine Chance blieb zu reagieren. Ein herannahendes Auto konnte gerade noch rechtzeitig bremsen, aber selbst dass bekam sie scheinbar nicht mit. Schon war sie auf der anderen Straßenseite und verschwand in einer Seitengasse. Der Autofahrer brüllte wütend etwas hinter ihr her, bevor er wieder in sein Auto stieg und weiterfuhr. Ralf überlegte kurz, ob er dem Mädchen hinterherlaufen sollte, bevor sie tatsächlich noch in einen Unfall verwickelt wurde, entschied sich aber dagegen. Erstens hatte er keine Ahnung, wo genau sie überhaupt hingelaufen war, und außerdem musste er auf Annette warten. Wer weiß, was in der Tanzschule vorgefallen war, und ob Annette nicht genauso da raus kommen würde?


    ANnette zog langsam ihren Rock aus und schlüpfte in eine bequeme Sporthose. Dann zog sie ein Langarm-Shirt über ihr Top und kämmte sich langsam die Haare. Sie wusste, dass Ralf draußen auf sie wartete, hatte aber keine Lust zu ihm rauszugehen. Wahrscheinlich hatte er mitbekommen, wie aufgewühlt Roxy vorhin die Tanzschule verlassen hatte, und fragte sich jetzt was passiert war. Und sie wollte es ihm nicht erklären müssen. Es war eigentlich nichts besonders schlimmes gewesen. Roxy hatte in einer Figur in der Samba einen Fehler, der zwar nicht besonders groß und relevant, aber immerhin vorhanden war. Und nachdem sie auch nach dem elften Durchgang immer noch den gleichen Fehler machte, war Max ausgerastet, und hatte sie ziemlich angeschrien, woraufhin sie in Tränen aufgelöst aus der Tanzschule gerannt war. Natürlich war es verständlich gewesen, dass Max nach so vielen Durchgängen die Geduld verloren hatte, aber auf der anderen Seite hätte er sie auch nicht so anzuschreien brauchen. Er war ziemlich hart mit ihr umgegangen, offensichtlich in der Annahme, dass sie sich dadurch endlich zusammenreißen würde, aber er hatte nur das Gegenteil erreicht. Annette hatte es gewundert, dass Cindy ihrer Schwester nicht hinterhergerannt war, aber scheinbar war sie viel zu entsetzt gewesen, um irgendwie reagieren zu können.
    „Wenn du so weitermachst, hast du dir bald alle Haare ausgekämmt,“ sagte Lukas gerade und sah Annette an. „Bist du in Ordnung?“ fragte er und sie nickte schnell. „Ja, ich war nur in Gedanken,“ antwortete sie und Lukas erklärte: „Max meint das alles nicht so. Aber wir sind nun einmal ein Team und da muss man sich zusammenreißen und anstrengen. Wenn Roxy so weitermacht, macht sie das ganze Team kaputt.“ Annette schwieg und starrte Lukas nur an. Scheinbar schien er als einer der wenigen kein Problem mit Max Traningsmethoden zu haben. Aber das war auch kein Wunder, er war wirklich der beste Tänzer in dem Team und Max hatte so gut wie nie etwas an ihm herumzumäkeln. Sie packte ihre Sachen zusammen und verließ die Tanzschule. Cindy stand draußen, unschlüssig darüber was sie tun sollte. „Roxy ist bestimmt nach Hause gegangen,“ sagte Annette zu ihr und sah sie aufmunternd an. Cindy nickte langsam und sagte mehr zu sich selbst: „Roxy ist zwar nur eine halbe Stunde jünger als ich, aber irgendwie hatte ich immer den Eindruck, dass ich auf sie aufpassen muss. Sie war irgendwie immer die Schwächere und hat sich alles sehr zu Herzen genommen. Ich glaube, der Druck ist zu viel für sie.“ „Das Gefühl habe ich im Moment auch,“ gab Annette leise zu. „Ja, ich auch, aber um Roxy mache ich mir wirklich Sorgen. Sie denkt ich merke es nicht, aber sie hat sich in letzter Zeit total oft nach dem Essen übergeben.“ Annette horchte bei diesen Worten entsetzt auf. Ausgerechnet Roxy, die ohnehin schon so dünn war, machte sich solche Gedanken um ihre Figur? Was hatte Max bloß angerichtet? Aber die Frage war, ob seine Worte wirklich so gemeint waren? Das hatte er doch bestimmt nicht gewollt, oder? „Ich fahre besser mal nach Hause, um nachzusehen, ob Roxy da ist,“ riss Cindy sie aus ihren Gedanken und Annette nickte. „Okay, wir sehen uns morgen,“ murmelte sie und ging langsam in Richtung Ralfs Wagen.

    „Bist du in Ordnung?“ fragte Ralf als Erstes, nachdem die Wohnungstür hinter ihm und Annette zugefallen war. Sie hatte während der ganzen Autofahrt nur schweigend aus dem Fenster geblickt und sah ihn jetzt verwirrt an, als hätte sie weder seine Frage gehört, noch überhaupt mitbekommen, dass er auch da war. „Was?“ wollte sie zerstreut wissen, nahm Ralf eine der Einkaufstüten, die er in der Hand hielt, ab und warf einen Blick hinein. „Wie viele Jahre soll ich denn davon leben?“ wollte sie wissen und trug die Tasche in die Küche. Sie wollte unbedingt das Gesprächsthema wechseln, wollte Ralf nicht von Roxy erzählen müssen, und merkwürdigerweise war ihr dazu sogar das Thema Essen recht, obwohl es natürlich auch nicht gerade ein einfaches Thema für sie war. „Ich weiß es nicht so genau, Cordula hat eingekauft,“ entgegnete Ralf. „Cordula?“ Annette sah auf. Irgendwie klang ihre Stimme traurig, als sie den Namen aussprach, oder bildete Ralf sich das nur ein? „Ja, ich war mir nicht so sicher, was du willst,“ fuhr Ralf fort, woraufhin Annette nur nickte. Langsam begann sie die Einkäufe auszupacken und zu verwahren, wobei Ralf ihr zusah. Er musste unbedingt erfahren, was heute mit diesem Mädchen los war und noch wichtiger war es herauszubekommen, was Annette so bedrückte. Aber es war auch wichtig, dass er den richtigen Zeitpunkt abwartete und jetzt schien gerade ein ziemlich ungünstiger Moment zu sein. „Was machen wir zum Abendessen?“ fragte er also stattdessen, was ihm einen weiteren verwirrten Blick von Annette einbrachte. Sie schien gerade etwas antworten zu wollen, doch da er sich bereits denken konnte, was sie sagen wollte, unterbrach er sie noch bevor sie etwas sagen konnte: „Wie wäre es, wenn wir die Pizza von gestern Abend warm machen würden?“ „Ich kann dir was davon warm machen,“ entgegnete Annette, „aber ich habe nicht so viel Hunger.“ „Na schön, aber irgendwas musst du ja auch essen,“ sagte Ralf bestimmt. Annette seufzte leise. Eigentlich hatte sie sich wirklich den ganzen Tag auf das Abendessen mit Ralf gefreut, obwohl ihr der gestrige Abend immer noch sehr unangenehm war. Aber seit der Sache mit Roxy war ihr jeglicher Appetit vergangen und sie wollte eigentlich nur noch ins Bett gehen und nicht mehr darüber nachdenken müssen. „Okay, was hälst du davon, wenn wir einen Obstsalat machen?“ fragte Ralf und zog eine Tüte mit Äpfeln aus der Tasche. „Na schön,“ gab Annette nach, „aber ich brauche jetzt erstmal unbedingt eine Dusche.“ „Okay, ich mache in der Zeit den Salat,“ sagte Ralf, wobei er weiteres Obst aus der Tüte beförderte.

    „Willst du mir nicht erzählen, was mit deiner Freundin los war und noch viel wichtiger, was mit dir los ist?“ fragte Ralf und stellte seinen leeren Teller auf dem Wohnzimmertisch ab. Während er bereits die ganze Hawaii-Pizza vom Vorabend gegessen hatte, hatte Annette gerade einmal ein kleines Schälchen mit Obstsalat aufbekommen, wie er kritisch feststellte. Vermutlich konnte er froh sein, dass sie überhaupt etwas gegessen hatte, trotzdem war er nicht besonders begeistert davon. „Ihr ging es halt nicht so gut,“ entgegnete Annette unbestimmt und stellte ihrerseits ihr Schälchen auf den Tisch. „Scheint ja einigen in eurem Team so zu gehen,“ murmelte Ralf sarkastisch. Annette schloss die Augen. Sie spürte die drohenden Kopfschmerzen und wollte eigentlich nur noch ins Bett. Mittlerweile war es auch schon 23 Uhr 19, und sie dachte mit Schaudern daran, dass sie am nächsten Morgen spätestens um halb acht wieder aufstehen musste. „Ralf, ich will da jetzt wirklich nicht drüber reden,“ flüsterte sie und spürte, wie ihr wieder die Tränen in die Augen traten. „Bitte, nicht schon wieder,“ dachte Annette und schluckte schwer. Doch Ralf hatte bereits gesehen, dass sie mit den Tränen kämpfte. Und so sehr er endlich wissen wollte, was mit ihr los war, konnte er es ihr nicht antun, sie jetzt weiter zu löchern. „Schon gut,“ murmelte er, „tut mir leid.“ Er stand auf, setzte sich zu Annette auf die Couch und nahm sie in den Arm. Sie schloss die Augen, weil sie hoffte dadurch den Tränenfluss unterbinden zu können, was aber dazu führte, dass sie innerhalb weniger Minuten eingeschlafen war. Als Ralf das merkte, legte er ihren Kopf vorsichtig auf dem Sofa ab und holte eine Decke aus dem Schlafzimmer, um Annette zuzudecken. Dann räumte er noch leise ein wenig auf. Eigentlich hätte er jetzt gehen sollen, aber irgendetwas hielt ihn zurück. Er setzte sich in den Sessel und beobachtete Annette, die friedlich auf dem Sofa schlief. Seine Gedanken kreisten von den Turnieren, zu der verzweifelten Annette von gestern Abend, zu dem verstörten Mädchen des heutigen Abends und weiter zu Max, dem Trainer des RTK. Der Kerl war ihm irgendwie von vornherein unsympathisch gewesen, obwohl Annette stets in den höchsten Tönen von ihm geschwärmt hatte. Oder vielleicht gerade deshalb? Überlegte er. Vielleicht sollte er trotzdem mal mit ihm reden? Aber das würde sowieso nichts bringen, außer vermutlich Unannehmlichkeiten für das Team und besonders für Annette. Vielleicht hatte er auch nur nicht gemerkt, dass es den Leuten aus seinem Team so schlecht ging und es wäre doch gut mit ihm zu reden? Aber konnte jemand wirklich so ignorant sein? Über diese Fragen schlief Ralf schließlich ein.

    Am nächsten Morgen wurde Ralf erneut durch das Rauschen von Wasser wach. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es bereits 9 Uhr war. Annette war also zur Arbeit gegangen, ohne ihn vorher zu wecken, dachte er leicht säuerlich. Geschickt, denn so hatte er sie nicht dazu bringen zu können, etwas zu frühstücken, bevor sie ging. Also würde sie vermutlich wieder den ganzen Tag nichts essen. Langsam stand er auf. Ihm war irgendwie schwindelig, und er fühlte sich als hätte er kaum ein Auge zugemacht, trotzdem konnte er sich nicht daran erinnern wach gelegen zu haben. Vermutlich lag es daran, dass er die ganze Nacht auf diesem unbequemen Sessel zugebracht hatte. Das heißt, so unbequem war er gar nicht, nur nicht besonders zum Schlafen geeignet. Egal. Er brauchte jetzt dringend eine kalte Dusche und einen Kaffee. Annette würde sicher nichts dagegen haben, wenn er kurz bei ihr duschte. So konnte er viel Zeit sparen und immerhin gegen 10 Uhr bei der Arbeit sein. Er ging langsam in Richtung Badezimmer und rieb sich die müden Augen. Der Lichtschalter im Badezimmer war bereits an, was ihn wunderte. Annette musste wirklich sehr verwirrt sein, wenn sie vergaß das Licht auszumachen. Er musste unbedingt mit ihr reden. Heute Abend gab es kein Aufschieben mehr. Ralf öffnete den Badezimmerschrank und griff sich das oberste Handtuch. Dann besah er sich noch einmal kurz im Spiegel, dachte, dass er wohl doch nach Hause fahren müsse, um sich zu rasieren und zog sich schnell aus. Er freute sich auf die Dusche und hoffte, dass sie seine Lebensgeister wecken würde. Da der Duschvorhang zugezogen war, zog er ihn auf und erstarrte. „Oh mein Gott,“ war das einzige was er sagen konnte. Annette starrte ihn entsetzt an. Sie war gerade dabei gewesen, sich die Haare einzushampoonieren, als Ralf den Vorhang aufgezogen hatte. Ralf seinerseits konnte sich kaum bewegen, so entsetzt war er. Was hatte er sich bloß gedacht? Er war doch durch Wasserrauschen wachgeworden und natürlich ließ Annette nicht einfach das Licht im Badezimmer an. Scheinbar hatte sie verschlafen, er konnte doch nicht einfach nur wegen der Uhrzeit davon ausgehen, dass sie schon weg war. „Tut mir leid,“ flüsterte Ralf und sah sie an. Eigentlich hätte er sich einfach umdrehen und gehen sollen, aber irgendwie konnte er den Blick nicht von Annette abwenden. „Schon gut, ich hätte ja auch einfach abschließen können,“ sagte sie leichthin. Scheinbar schien es sie nicht sonderlich zu stören, dass Ralf so hereingeplatzt war, obwohl auch sie am Anfang ganz schön erschrocken war. „Dreh dich um und geh,“ sagte eine Stimme in Ralfs Kopf, doch seine Beine gehorchten ihm irgendwie nicht, genauso wenig wie seine Augen, die immer noch Annettes Körper betrachteten. Sie stellte das Wasser wieder an und schien Ralf dabei völlig zu ignorieren. Er merkte, dass sie ziemlich rot im Gesicht war, konnte aber nicht sagen, ob das von der Hitze des Wassers oder der Peinlichkeit der Situation kam. Da er ziemlich nah an der Dusche stand, wurde er von Wasserspritzern getroffen. „Du spritzt mich nass,“ sagte er und kam sich im selben Augenblick vor wie ein Idiot. Natürlich wurde er nass, wenn er hier mitten vor der offenen Dusche stand! Wenn er einfach ging, würde er auch nicht nass werden. „Du wolltest doch duschen, oder nicht?“ lachte Annette jetzt. Sie schien einfach beschlossen zu haben, das Ganze von der lustigen Seite zu betrachten. Für sie war es auch nicht besonders schlimm, da sie bei Turnieren auch immer alle gemeinsam duschten, nur dass sie dann ihre Unterwäsche anbehielten. Ralf spürte wie er rot wurde. Er wollte sich endlich abwenden, als Annette plötzlich ihre Hand ausstreckte und die seine ergriff. Ehe er sich versah hatte sie ihn zu sich in die Dusche gezogen. „Was bitte wird das jetzt?“ dachte er und wusste gleichzeitig, dass er genau das ja provoziert hatte, indem er mehr als viel zu lange dort gestanden hatte. Er spürte das warme Wasser auf seiner Haut und dachte, dass er jetzt wirklich ganz dringend eine kalte Dusche brauchte. Da die Dusche natürlich nicht so groß war, wie Gemeinschaftsduschen in den Sporthallen, stand er Annette so nahe, dass er es kaum wagte sich zu bewegen, denn jede Berührung hätte dazu geführt, dass er sie seinerseits berührte. Sie stand da und beobachtete ihn. Genauso musste sie sich gefühlt haben, als er sie gerade so angestarrt hatte. Aber merkwürdigerweise war es ihm gar nicht so unangenehm, wie es eigentlich sein müsste. Sie streckte die Hand aus und strich ihm vorsichtig eine nasse Haarsträhne aus dem Gesicht. Plötzlich musste Ralf lachen. Er hielt Annettes Hand fest und drückte sie leicht gegen seine Wange. Dann beugte er sich vor, sodass sein Gesicht dem ihren ganz nahe war, und fast schon im selben Augenblick spürte er plötzlich ihre Lippen auf seinen. Es war ein unbeschreibliches Gefühl. Einerseits wunderschön, anderseits irgendwie falsch. Was tat er da bloß? Er stand hier mit der nackten Annette in ihrer Dusche und küsste sie. Ausgerechnet Annette, der er doch hatte helfen wollen. Seine Gedanken waren plötzlich bei Cordula und er dachte daran, dass sie garantiert ausrasten würde, wenn sie davon erfuhr. „Das verstehst du also darunter, Annette zu helfen,“ hörte er ihre Worte schon. Er hätte einen Rückzieher machen sollen, aber andererseits war es dazu auch bereits ein bisschen zu spät. Und außerdem wollte er es auch gar nicht. Seine Hände legten sich sanft um Annettes schlanke Hüften, während er tief den Duft ihres frischgewaschenen Haars in sich aufnahm. Vorsichtig löste er sich von ihren Lippen und begann sie am Hals zu küssen. Er spürte, wie sich ihre Hände um seinen Hals legten und sie ihn leicht an der Schulter berührte. Dann hörte er, wie sie seinen leise seinen Namen flüsterte. „Ralf,“ da war es ein zweites Mal. „Mmh?“ fragte er und löste sich unwillig von Annette, um sie ansehen zu können. Doch ihr Bild verschwamm plötzlich vor seinen Augen. Dann war es wieder da, nur irgendwie anders.
    Erschrocken fuhr Ralf auf. Annette saß auf der Lehne des Sessels auf dem er die Nacht verbracht hatte. Sie trug Jeans, und einen Pullover. „Alles in Ordnung?“ fragte sie und fügte gleich hinzu: „Es tut mir leid, dass ich dich wecken musste. Aber wir haben viertel nach acht, und ich muss los zur Arbeit und wusste nicht, wann du los musst, sonst hätte ich dich weiterschlafen lassen und dir einen Wecker gestellt.“ „Schon gut,“ Ralf setzte sich schnell aufrecht hin. Annette durfte auf keinen Fall merken, wie verwirrt und peinlich berührt er gerade war. Er musste ganz schnell andere Bilder in den Kopf bekommen. „Also, ich geh dann jetzt. Du kannst hier ruhig duschen und so, zieh nur einfach die Tür feste zu, ja?“ „Oh Gott, duschen, hier. Ganz sicher nicht,“ dachte Ralf und stand schnell auf. Warum genau hatte er überhaupt die Nacht bei Annette verbracht? Dann fiel es ihm wieder ein, und er fragte schnell: „Hast du gefrühstückt?“ Die Antwort konnte er schon an ihrem Gesicht ablesen. „Ralf, ich muss wirklich los, ich kann auf keinen Fall zu spät kommen,“ sagte sie ungeduldig, und wollte losgehen. „Okay, ich fahre dich zur Arbeit, und auf dem Weg isst du eine Banane, ja?“ fragte Ralf, und war schon auf dem Weg in die Küche um eine Banane zu holen. Annette blieb nichts anderes übrig, als ihm zuzustimmen.
     
  7. HMJ821

    HMJ821 New Member

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    Wieder einmal verschwammen die Worte auf dem Bildschirm vor Ralfs Auge. Stattdessen sah er immer wieder die Bilder aus seinem Traum vor sich. Er musste sie ganz schnell aus seinem Kopf herausbekommen. Was war bloß los mit ihm? Annette war immer eine seiner besten Freundinnen gewesen, warum plötzlich hatte er solche Träume von ihr? Ausgerechnet von ihr? Er hatte sich in der letzten Zeit solche Sorgen um sie gemacht und wollte sie unbedingt beschützen, wovor auch immer sie Schutz brauchte, aber bis jetzt hatte er immer gedacht, er würde wie ein großer Bruder für sie empfinden. Aber vielleicht war es doch irgendwie anders. Vielleicht empfand er mehr für sie, als er bisher gedacht hatte. Aber selbst wenn, Annette sah in ihm bestimmt nicht mehr als einen guten Freund. Und außerdem ging es ihr im Moment nicht besonders gut, - diese Situation durfte er auf gar keinen Fall in irgendeiner Form ausnutzen. Erst einmal musste es Annette wieder besser gehen. Und vielleicht hatten sich bis dahin seine aufsteigenden Frühlingsgefühle wieder gelegt. Seufzend warf er einen Blick auf seinen Bildschirm. Er musste sich jetzt unbedingt irgendwie auf seine Arbeit konzentrieren.

    Cindy beobachtete, wie ihre Schwester Roxy sich mit großem Appetit eine weitere Portion Spaghetti auf ihren Teller lud. Es war 15 Uhr, und sie war gerade von der Arbeit nach Hause gekommen. Roxy hatte gekocht, und zwar so viel als erwarte sie 10 Gäste zum Essen. Während sie selber gerade mal einen Teller Spaghetti geschafft hatte, verputzte Roxy gerade ihren vierten. Cindy wusste nicht was sie tun sollte. Gestern Abend hatte ihre Schwester bereits im Bett gelegen, als sie selber vom Training nach Hause gegangen war, und da Roxy bereits um 5 Uhr im Zoo sein musste, hatten sie sich auch heute morgen nicht gesehen. „Roxy, wegen gestern,...“ versuchte Cindy das Gespräch zu beginnen, doch Roxy unterbrach sie: „Mir geht es gut, wirklich, ich lasse mir doch von Max nicht die gute Laune und schon gar nicht den Appetit vermiesen.“ Mit diesen Worten lud sie sich erneut Spaghetti auf ihren Teller. Dass sie sich ihren Appetit nicht verderben ließ, jedoch sah Roxy nach allem aus, aber nicht nach guter Laune. „Ich meine, nur weil Max meint, dass wir nicht so viel essen sollten, und mehr gesundes, und bla, das ist mir doch egal. Der kann mir gar nichts sagen. Ich esse so viel wie ich will.“ Cindy konnte die Worte ihrer Schwester kaum verstehen. Erstens hatte sie den Mund voller Spaghetti und außerdem war sie plötzlich den Tränen nahe. „Roxy,...“ Hilflos wollte Cindy aufstehen, und zu ihrer Schwester gehen, als diese plötzlich aufsprang und ins Badezimmer rannte. Als sie hörte, wie Roxy sich im Badezimmer übergab, fasste Cindy einen Entschluss. Sie sah nur eine Lösung, wie sie ihrer kleinen Schwester helfen konnte. Das Gute war, dass sie das Problem ihrer Schwester genau kannte. Dass Roxy plötzlich so viel aß, hatte in etwa angefangen, nachdem Max sein wahres Gesicht gezeigt und an jedem kleinen Fehler herumgemäkelt hatte. Am Anfang hatte sie nur bemerkt, dass sie plötzlich so viel aß, nicht jedoch, dass sie sich danach übergab. Das war ihr erst letzte Woche aufgefallen. Die Angst um ihre Schwester machte sie wahnsinnig. Doch sie wusste auch, dass es noch nicht zu spät war. Schließlich war Roxy erst im Frühstadium einer Bulimie. Als Krankenschwester wusste Cindy natürlich, wie sie am besten helfen konnte. Als ihre Zwillingsschwester also jetzt aus dem Badezimmer zurückkam, und sie schuldbewusst anblickte, machte sie Roxy natürlich keinen Vorwurf. Wortlos folgte sie ihrer Schwester ins Wohnzimmer, wo sie sich auf dem Sofa niederließen. „Roxy, ich werde mit dem Tanzen aufhören,“ sagte Cindy jetzt und sah sie ernst an. „Was?“ Roxy blickte erschüttert auf. Aber in ihrem Blick lag noch etwas anderes. War es Erleichterung? „Das macht mich kaputt. Ich kann nicht mehr. Ich bin nur müde, kann mich auf der Arbeit nicht konzentrieren. Darunter leiden meine Patienten. Heute morgen habe ich einer Frau, die operiert werden sollte, ein Blutgerinnungsmittel gegeben. Zum Glück ist es mir noch aufgefallen, und die OP wurde verschoben, sonst hätte ich sie womöglich noch umgebracht!“ Roxy sah jetzt wirklich entsetzt aus. Mit so einem Geständnis hatte sie nicht gerechnet. Und schon gar nicht von ihrer großen Schwester, die sie immer für so stark gehalten hatte. Sie hatte gedacht, nichts auf der Welt könnte Cindy erschüttern, aber scheinbar litt auch sie unter dem Druck, den der Tanzsport auf sie ausübte. „Aber wir können doch nicht einfach so aufhören,“ sagte Roxy, obwohl es im Moment nichts auf der Welt gab, was sie lieber täte. „Doch, Roxy, das können wir,“ sagte Cindy fest. „Wir haben natürlich dem Team gegenüber eine gewisse Verpflichtung. Aber denkst du nicht, dass wir uns selber gegenüber auch eine Verpflichtung haben? Oder unseren Mitmenschen? Was, wenn ich tatsächlich unabsichtlich jemanden umbringe? Was wenn du einem Tier falsche Nahrung gibst und es stirbt? Was zählt es schon dagegen, ob der RTK nun in die Bundesliga aufsteigt oder nicht?“ Roxy dachte kurz über die Worte ihrer Schwester nach. Dann nickte sie leicht. Natürlich hatte sie recht. Zwar machte ihr der Gedanke jetzt einfach so aufzuhören irgendwie Angst, aber dennoch fühlte sie sich extrem erleichtert. „Also gehen wir heute Abend nicht mehr zum Training?“ fragte sie hoffnungsvoll. „Nein.“ Cindy schüttelte den Kopf. „Lass uns mal wieder ins Kino gehen, das haben wir schon ewig nicht mehr gemacht.“

    „Bist du dir sicher, dass du nicht zu mindestens ein bisschen Butter über deine Nudeln haben willst?“ „Nein, Ralf, danke,“ erwiderte Annette leicht gereizt und stocherte lustlos in ihren Nudeln herum. Ralf hatte sie wieder einmal von der Tanzschule abgeholt und während sie unter die Dusche gesprungen war, hatte er Nudeln mit Tomatensoße gekocht, von der Annette jedoch nichts haben wollte. Er beobachtete sie. Sie trug ein paar Shorts und ein einfaches Top und ihre Haare hingen ihr in nassen Strähnen vorm Gesicht. „Trotzdem sah sie irgendwie toll aus,“ dachte Ralf und schämte sich leicht. Er hatte doch an etwas anderes denken wollen. „Annette, willst du mir nicht endlich erzählen, was los ist?“ fragte er schließlich. Annette sah von ihrem Teller auf. „Erinnerst du dich an Cindy und Roxy, die Zwillinge?“ wollte sie wissen. Ralf nickte. „Eine von beiden ist gestern Abend weggerannt.“ „Ja genau, Roxy. Heute waren beide nicht beim Training. Max war ziemlich sauer, vor allem weil man sie auch nicht über Handy erreichen konnte. Aber ich mache mir echt Sorgen um sie.“ Ralf seufzte. Eigentlich hatte er von Annette wissen wollen, was mit ihr los war, und nicht was mit ihren Freunden war. Aber gut, da ihr das Thema tatsächlich sehr zu schaffen machen schien, würde er darauf eingehen. Vielleicht konnte er ja so auch irgendwie auf sie selber zu sprechen kommen. „Ist es denn so ungewöhnlich, wenn jemand mal nicht zum Training kommt? Oder hat es damit zu tun, was gestern Abend mit Roxy los war?“ „Ich weiß es nicht, aber ich denke schon,“ sagte Annette langsam. „Cindy hat mir erzählt, dass,...“ Sie unterbrach sich selber. Konnte sie Ralf wirklich davon berichten? Das würde nur dazu führen, dass er sich noch mehr Sorgen machte. Aber auf der anderen Seite wollte sie es auch endlich loswerden. „Dass?“ hakte Ralf vorsichtig nach, und Annette beschloss es ihm einfach zu sagen: „Dass sie sich große Sorgen um sie macht, weil sie sich in letzter Zeit ständig nach dem Essen übergibt.“ Jetzt war es raus. Annette sah, dass Ralf sie entsetzt anblickte. Aber letztendlich konnte es ihm doch egal sein, schließlich war es jemand, den er gar nicht kannte. Ralf war sprachlos, damit hatte er nicht gerechnet. Obwohl, eigentlich schon. In diesem Tanz-Team schien einiges nicht so zu laufen, wie es eigentlich sein sollte. „Haben noch mehr in eurer Mannschaft solche Probleme?“ fragte er schließlich. „Nein, nicht, dass ich wüsste,“ entgegnete sie verwirrt und im selben Moment wusste sie, worauf er anspielte. „Ralf, du redest doch nicht etwa von mir, oder?“ Doch sie wusste, dass er genau das tat. „Ich weiß, dass du dich nicht nach dem Essen übergibst, das geht ja auch schlecht, wenn man nichts isst.“ Annette sah ihn schweigend an, er wusste dass er sie mit seinen Worten verletzt hatte, aber es war nun einmal die Wahrheit und sie konnte sich nicht Sorgen um diese Roxy machen, während sie sich selber gleichzeitig genau das Gleiche antat. „Es tut mir leid, Annette, aber du machst dir Sorgen um deine Freundin, und wir machen uns Sorgen um dich!“ „Ich weiß,“ sagte sie leise. „Aber es ist wirklich nicht absichtlich, dass ich so wenig esse. Irgendwie bin ich morgens immer später aufgewacht und hatte keine Zeit mehr zum Frühstücken. Dann bin ich so spät aufgewacht, dass ich ständig zu spät zur Arbeit gekommen bin. Um meinen Chef nicht noch mehr zu verärgern habe ich dann angefangen auf die Mittagspause zu verzichten. Und dann habe ich gemerkt, dass das Essen vor dem Tanzen nicht besonders gut ist. Naja, und nach dem Tanzen war ich immer so todmüde, dass ich sofort ins Bett gefallen bin. Ich weiß auch nicht.“ Ralf sah Annette erstaunt an. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie ihm das erzählen würde, und war froh, dass sie es jetzt doch getan hatte. Aber war das wirklich alles? War es wirklich nur Zeitmangel, der Annette dazu gebracht hatte, kaum noch etwas zu essen? Er konnte es irgendwie nicht glauben, dass nicht auch ihr Trainer mit dahinter steckte. „Und jetzt hat sich dein Magen an das Nicht-Essen gewöhnt, und dir wird sofort schlecht, wenn du nur ein bisschen isst?“ hakte er nach und Annette nickte bestätigend. Ralf griff nach ihren Händen und sah sie ernst an. „Und euer Trainer hat nie irgendetwas zu euch gesagt? Also, dass ihr zu dick seid, abnehmen sollt, oder so etwas in der Art?“ Als er Annettes schockierten Blick sah, fügte er hinzu: „Mir scheint es einfach so, dass du nicht die Einzige in dem Team bist, die in letzter Zeit Probleme mit dem Essen hat.“ „Nein, er hat nichts gesagt,“ entgegnete Annette schnell. „Sicher?“ „Er meinte nur zu uns, dass wir uns vielleicht etwas gesünder ernähren sollten, aber er hat nie gesagt, dass irgendwer abnehmen muss oder so.“ Also doch. Ralf war jetzt tatsächlich erleichtert, alles, auf jeden Fall hoffte er, dass es alles war, erfahren zu haben. Er legte einen Arm um Annette und sie legte ihren Kopf auf seine Schulter. „Ralf?“ „Ja?“ „Ich weiß, es kommt nicht so rüber, aber ich bin dir wirklich dankbar, dass du darauf achtest, dass ich etwas esse. Alleine kann ich mich irgendwie nicht dazu bringen.“ Ralf lächelte leicht und gab Annette einen sanften Kuss auf die Stirn. „Keine Angst, ich werde auch weiter darauf achten,“ murmelte er. Ein Blick auf ihren Teller verriet ihm, dass sie erneut nicht besonders viel gegessen hatte. Aber es war ein Anfang. Und vielleicht konnte er sie ja noch zu etwas Nachtisch überzeugen. „Wie wäre es noch mit etwas Obstsalat von gestern?“ wollte er wissen und Annette musste lachen. „Na schön, aber wirklich nur ein bisschen.“ Ralf stand auf und ging in die Küche, um ein Schälchen für sie zu holen. Er fragte sich, ob dieser furchtbare Trainer eigentlich wusste, was er angerichtet hatte. Auch wenn Annette nicht der Meinung war, dass seine Worte der Auslöser für die Veränderung in ihrem Essverhalten war, Ralf war da anderer Meinung. Und selbst wenn dies bei ihr nicht der Fall war, wer wusste schon wie seine Worte beispielsweise Roxy beeinflusst hatten?

    Die Tage flogen dahin. Abend für Abend war Ralf zu Annette gekommen, hatte ihr etwas leichtes gekocht, und mittlerweile aß sie sogar wieder einigermaßen normal. Zwar nur einmal am Tag, aber immerhin eine normale Portion. Ralf allerdings hatte nicht noch einmal bei Annette geschlafen. Zu groß war die Angst, dass er wieder von ihr träumte. Was wenn er plötzlich im Schlaf anfing zu reden? Das Risiko konnte er auf keinen Fall eingehen. Abgesehen davon, dass es sowieso im Grunde genommen unnötig war, die Nächte bei ihr zu verbringen. Mittlerweile war es Donnerstag und Ralf stand am Herd und machte Pfannkuchen. Er würde sich noch zum Meisterkoch entwickeln, dachte er leicht belustigt. Am vergangenen Sonntag war das Turnier in Münster gewesen. Ralf war der Einzige gewesen, der mitgefahren war, was ja auch zu erwarten gewesen war. Der RTK hatte nur den zweiten Platz gemacht, nach Wetter. Max hatte daraufhin das Training noch mehr angeschraubt, vor 23 Uhr war keiner mehr zu Hause. Was Ralf jedoch noch mehr erstaunt hatte, war dass Cindy und Roxy, die Zwillinge auch bei dem Turnier gewesen waren. Er hatte damit gerechnet, dass sie das, was er sich von Annette so sehr wünschte, durchgezogen hatten, und dem Team den Rücken gekehrt hatten, aber wie er von Annette wusste, waren sie einen Tag nach ihrem Nicht-Auftauchen, wieder beim Training erschienen und hatten kein Wort über den vergangenen Tag verloren. Niemand hatte nachgefragt, weswegen sie nicht gekommen waren, was Ralf ebenso sehr erstaunte. Er würde wissen wollen, was mit seinen Freunden los gewesen ist. Aber vielleicht wollten sie es tatsächlich nicht so genau wissen. Womöglich hatte Max sie bedroht oder sonst auf irgendeine Weise dazu gebracht, in die Mannschaft zurückzukommen. Annette war plötzlich neben Ralf getreten. „Riecht gut,“ murmelte sie und lächelte leicht. Doch irgendwie wirkte sie bedrückt. Das war ihm schon auf der kurzen Autofahrt aufgefallen. „Ist gleich fertig,“ entgegnete Ralf möglichst fröhlich. „Wie war es heute beim Training?“ fragte er dann schnell. Vielleicht konnte er so etwas herausbekommen. „Gut,“ sagte Annette mit leiser Stimme. Sie sah ihn nicht an. Dann schien sie es sich doch anders zu überlegen. „Roxy ist zusammengebrochen. Direkt am Anfang des Trainings. Der Notarzt war sogar da und hat sie gleich ins Krankenhaus gebracht.“ „Und ihr habt trotzdem weiter trainiert?“ „Wir haben nur noch ein paar Tage bis zum entscheidenden Turnier,“ verteidigte Annette die Entscheidung ihres Trainers sie nicht gehen zu lassen. Warum tat sie das eigentlich immer wieder? Warum verteidigte sie ihn? Besonders nachdem er Cindy dazu gebracht hatte, nicht mit ihrer Schwester ins Krankenhaus zu fahren, sondern zunächst das Training zu Ende zu bringen. Plötzlich war Annette froh, dass sie Ralf diesen Teil der Geschichte verschwiegen hatte. Sie wusste, dass er ihren Trainer nicht leiden konnte, und sie wusste auch, dass er allen Grund dazu hatte. Sie sah ihm zu, wie er die beiden fertigen Pfannkuchen auf zwei Teller bugsierte und folgte ihm dann mit einer Flasche Orangensaft ins Wohnzimmer.
    Schweigend aßen die beiden ihre Pfannkuchen. Annette schaffte gerade mal einen halben. In den letzten Tagen war es mit dem Essen irgendwie besser gegangen, aber jetzt spürte sie wieder die bekannte Übelkeit in sich aufsteigen. Die Sache mit Roxy hatte ihr den Appetit komplett verdorben. Sie stellte ihren Teller ab und ließ den Kopf im Nacken kreisen. Sie fühlte sich total verspannt und wünschte, sie könnte ein heißes Bad zur Entspannung nehmen. „Verspannt?“ Ralf sah sie von der Seite aus an. Er hatte die ganze Zeit geschwiegen, weil er wusste, dass er ansonsten nur seine ehrliche Meinung zum Thema Roxy gesagt hätte, und das Annette vermutlich verletzt hätte. „Ein wenig,“ antwortete sie müde. Ralf stellte schob sich schnell den letzten Bissen Pfannkuchen in den Mund, stellte seinen Teller auf dem Wohnzimmertisch ab und sagte dann: „Dreh dich mal mit dem Rücken zu mir.“ Annette tat, was er gesagt hatte und er strich ihr leicht die Haare zur Seite, bevor er vorsichtig begann, mit den Händen in ihren Nacken zu fahren und sie zu massieren. Annette stöhnte leicht auf. „Tut es weh?“ fragte Ralf erschrocken. „Ein bisschen, aber das macht nichts,“ murmelte Annette. Sie wollte nicht, dass er aufhörte. „Am besten, du legst dich hin,“ sagte Ralf, was sie auch gleich tat. In Gedanken fügte er hinzu: „Und ziehst dein Top aus,“ sagte das aber natürlich nicht laut. Er wusste, dass Annette, sobald sie lag, vermutlich auch bald einschlafen würde. Und er behielt recht, bereits nach wenigen Minuten hörte er an ihrem gleichmäßigen Atmen, dass sie unter seinen sanften Massierbewegungen eingeschlafen war. Eigentlich hätte er aufhören und nach Hause fahren können. Aber er tat es nicht. Irgendwie war es viel zu schön hier zu sitzen und Annette sanft berühren zu können. Und obwohl sie schlief, wusste er ja auch, dass sich die Verspannungen in ihrem Körper so langsam lösten.

    Die Nacht hatte Ralf dieses Mal wieder bei Annette in der Wohnung verbracht. Er war einfach viel zu müde gewesen, um noch nach Hause fahren, also hatte er es sich irgendwann im Sessel bequem gemacht und war eingeschlafen. Gott sei Dank war er nicht von irgendwelchen Träumen heimgesucht worden, oder zu mindestens konnte er sich nicht daran erinnern. Als er jetzt aufgewacht war, fand er sich in eine Decke eingewickelt wieder. Annette musste ihn gestern Abend zugedeckt haben. Wo war sie überhaupt? War sie in der Nacht noch mal aufgewacht und in ihr Bett gegangen? Er warf einen Blick auf die Uhr, 7 Uhr 20. Er sollte nachsehen und sie gegebenenfalls aufwecken. Gerade als er aufstehen wollte, hörte er wie die Wohnungstür aufgeschlossen wurde. Wenige Sekunden später stand Annette im Wohnzimmer und lächelte ihn an. „Schon wach?“ fragte sie. Ralf starrte sie leicht verwundert an. Sie trug eine lange Sporthose und eine Trainingsjacke über ihrem Shirt. „Wo kommst du denn her?“ wollte er wissen, obwohl er sich die Antwort eigentlich auch denken konnte. Annette bestätigte seine Vermutung, als sie antwortete sie sei beim Joggen gewesen. „Warum?“ fragte Ralf, doch auch die Antwort meinte er bereits zu kennen. „Dass wir nur den zweiten Platz gemacht haben, liegt unter anderem auch an unserer schlechten Kondition,“ entgegnete Annette, „und deshalb haben wir beschlossen, dass wir alle jeden Tag eine Stunde joggen gehen.“ „Und dafür stehst du eine Stunde früher auf?“ Ralf war fassungslos. Zumal Annette alles andere als schlechte Kondition hatte. Sie war gerade eine Stunde lang gejoggt, sah aber so aus, als wollte sie gerade erst losgehen. Sie war weder außer Atem, noch konnte er sonstige Spuren der Anstrengung ausmachen. Kein noch so kleiner Schweißtropfen war sichtbar. „Ich weiß, du wirst es nicht glauben, aber es ist wirklich angenehm,“ sagte Annette gerade, „ich bin viel zu wenig draußen an der frischen Luft und ich fühle mich immer so entspannt, wenn ich zurückkomme. Und irgendwie erholt.“ Ralf nickte nur. Er glaubte ihr, fand es aber trotzdem unmöglich von ihrem Trainer, ihnen auch das noch anzutun. Dann entdeckte er etwas. „Du hast Brötchen mitgebracht.“ Damit hatte er nicht gerechnet. „Ja,“ Annette nickte. „Aber ich gehe erst eben schnell duschen, du kannst ja schon mal den Tisch decken.“ Ralf nickte und stand auf, während Annette im Bad verschwand.
     
  8. HMJ821

    HMJ821 New Member

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    AW: *When the music fades*

    Das letzte und das erste Turnier der Saison fand immer an einem Samstag statt. Die dazwischen waren an Sonntagen. Daher war heute das letzte Training vor dem alles entscheidenden Turnier. Roxy lag nach wie vor im Krankenhaus, was einzig und allein Natalie freute, die ihr Ersatz war. Endlich würde auch sie mal dazu kommen, auf einem Turnier zu tanzen. Besonders viel konnte eigentlich nicht mehr passieren. Die Teilnahme an der Relegation war Köln so gut wie sicher, es sei denn, sie würden plötzlich nur den achten Platz machen, aber das war mehr als nur unwahrscheinlich. Dennoch hatte Max extrem schlechte Laune, was größtenteils an Natalie lag. Er schrie sie wegen jedem noch so kleinen Fehler an, und sie konnte ihm einfach nichts recht machen. Dass er sie dadurch nur noch mehr verunsicherte, schien ihm zu entgehen und er dachte wohl auch nicht daran, dass es Natalies erstes Turnier war und sie dadurch noch aufgeregter war, als alle anderen. Annette verstand auch nicht, warum er sie so kritisierte, denn besonders schlecht war sie eigentlich nicht. Zwar auch nicht so gut wie Roxy, aber eben auch nicht um ein Vielfaches schlechter. Als Max um 21 Uhr das Training beendete, war Annette mehr als froh. Sie hatte schon befürchtet, er würde sie wieder wer weiß wie lange aufhalten, und das obwohl sie morgen früh nach Aachen fahren mussten. Doch Max sagte, er wolle nur noch mal ein paar Dinge mit Natalie alleine durchgehen. Die Arme, dachte Annette, doch es war nicht zu ändern.
    „Cindy, wie geht es Roxy?“ fragte Annette, während sie sich ihre Jacke anzog. Cindy sah sie traurig an und erwiderte: „Keine Ahnung, ich hatte ja keine Zeit sie zu besuchen. Ich habe heute morgen nur mit ihrem Arzt telefoniert, der vorgeschlagen hat, sie zu einer Erholungskur ans Meer zu schicken. Nur, dass ich keine Ahnung habe, wie ich das finanzieren soll.“ Sie packte die letzten Dinge in ihre Tasche und murmelte: „Wir sehen uns morgen, ich fahre jetzt noch schnell bei Roxy vorbei.“ „Okay, schönen Gruß,“ rief Annette und sah Cindy hinterher. Sie tat ihr wirklich leid, aber es gab nichts was sie tun konnte um ihnen zu helfen.
    Ralf war natürlich noch nicht da, er hatte wahrscheinlich damit gerechnet, dass sie nicht vor 22 Uhr kam. Aber andererseits war es ihr auch ganz recht so, denn so konnte sie nach Hause fahren und etwas tun, was sie schon seit Wochen nicht mehr getan hatte: Ein entspannendes Bad nehmen. Sie konnte es kaum erwarten, nach Hause zu kommen, und in ihre Wanne zu springen. So verließ sie die Tanzschule und ging in Richtung Bushaltestelle, als Matthias, der auch nur Ersatztänzer war, sie fragte, ob er sie nach Hause bringen sollte. Eigentlich mochte Annette ihn nicht besonders, aber andererseits war die Verlockung schnell nach Hause zu kommen, zu groß, also stimmte sie zu und setzte sich zu ihm ins Auto. „Weißt du, was ich mir die ganze Zeit wünsche?“ fragte er, als sie an der nächsten Ampel halten mussten. „Nein,“ entgegnete Annette und fügte in Gedanken hinzu: „Und eigentlich interessiert es mich auch nicht besonders.“ „Dass Lukas einen Unfall hat und sich etwas bricht.“ „Was?“ Annette sah ihn entsetzt an. Hatte sie sich verhört oder hatte er gerade wirklich gesagt, dass er einem anderen Teammitglied wünschte, dass er sich etwas brechen würde? „Naja, das würde ja schließlich bedeuten, dass ich mit dir tanzen könnte.“ Annette stöhnte innerlich auf. Sie hätte einfach den Bus nehmen sollen, aber sie wollte ja unbedingt so dringend nach Hause, dass sie sich sogar zu Matthias ins Auto gesetzt hatte. Das bereute sie jetzt. „Das kann doch nicht dein Ernst sein,“ sagte sie wütend und sah aus dem Fenster. Immerhin, noch fuhr er in die richtige Richtung. „Wer würde nicht mit dir tanzen wollen?“ entgegnete Matthias und blickte sie an. Plötzlich bekam Annette Angst. Die Art wie er das sagte und wie er sie ansah, ließen sie frösteln. Und dann spürte sie plötzlich seine Hand auf ihrem Knie. Jetzt bereute sie es nicht nur zu ihm ins Auto gestiegen zu sein, sondern noch viel mehr, sich nicht umgezogen zu haben. Da sie Angst gehabt hatte, den Bus zu verpassen, hatte sie sich nur ihre Jacke übergezogen und trug immer noch ihren Trainingsrock. Energisch schob sie seine Hand zur Seite und sagte mit möglichst fester Stimme: „Du kannst mich da vorne an der Ecke rauslassen.“ „Aber da wohnst du nicht,“ entgegnete Matthias leichthin. Woher wusste er eigentlich wo sie wohnte? Und warum war ihr diese Frage nicht früher eingefallen? „Ich besuche noch eine Freundin,“ erklärte sie schnell, bezweifelte aber, dass sie besonders glaubhaft klang. Matthias lachte auf. Natürlich glaubte er ihr nicht. Und dann bog er plötzlich in eine kleine Seitengasse ein und hielt an. Ließ er sie jetzt tatsächlich hier aussteigen? In der Straße war alles stockdunkel, aber nur etwa 50 Meter hinter ihnen lag die Hauptstraße, auf der ein Auto nach dem anderen vorbeifuhr. Annette konnte die Lichter sehen. Warum hatte er sie nicht da rausgelassen? Ein plötzliches Gefühl der Panik überfiel sie, doch sie musste unbedingt ruhig bleiben. Sie merkte, dass Matthias sie anstarrte und griff schnell nach dem Sicherheitsgurt, um ihn zu lösen. Vielleicht wohnte er ja auch hier, und hatte deshalb hier angehalten. „Also, danke fürs Mitnehmen,“ murmelte sie mit wackeliger Stimme. „Warte!“ Annette hatte schon die Hand am Türgriff, doch Matthias hielt sie fest. Sie wollte sich von seinem Griff lösen, doch er war zu stark. „Ich weiß, dass du dich auch in mich verliebt hast,“ sagte er und starrte sie immer noch an. Wovon bitte redete er? „So wie du mich beim Tanzen immer anguckst. So wie du immer vor mir hin und her hüpfst.“ War der jetzt komplett wahnsinnig geworden? Annette spürte, wie ihr die Angst immer mehr die Luft abschnürte, sie wollte endlich hier raus, doch Matthias ließ sie einfach nicht los. „Du kannst mich nicht die ganze Zeit beim Tanzen so anmachen, und jetzt plötzlich so tun, als wäre nichts gewesen. Das lasse ich nicht mit mir machen!“ „Aber das habe ich doch gar nicht,“ widersprach Annette heftig, den Tränen nahe. Sie wusste, dass sie ihm nicht zeigen durfte, dass er ihr Angst machte, aber irgendwie fühlte sie sich plötzlich ziemlich schwach. Sie hatte bis auf eine Laugenstange zum Frühstück und Mittags eine Orange den ganzen Tag wieder einmal nichts gegessen und das drei-stündige Training hatte es auch nicht besser gemacht. „Das hast du nicht?“ Matthias lachte trocken auf. Schon wieder lag seine Hand auf ihrem Oberschenkel. „Guck mal, wie du schon alleine in mein Auto gestiegen bist, nur mit diesem kurzen Rock.“ Annette schluckte. Glaubte er das, was er da sagte wirklich selber? Das konnte doch nicht sein ernst sein. Natürlich hatte sie ihn beim Tanzen angestrahlt, aber nicht nur ihn alleine, sondern all diejenigen, die beim jeweiligen Training gerade nicht tanzten, - die Ersatztänzer waren schließlich bei den Proben ihr Publikum. Sie hatte nichts getan, was ihn irgendwie dazu veranlassen könnte, zu denken, sie hatte ihn anmachen wollen. Das einzige was sie getan hatte, war Max Anweisungen zu folgen und Training für Training die Choreographie durchzutanzen. Und sie hatte den unverzeihlichen Fehler begangen und war in sein Auto gestiegen. „Schon allein die Tatsache, dass du überhaupt in mein Auto gestiegen bist,“ flüsterte Matthias. Während er sprach, fuhr er mit seinen Fingern höher ihren Oberschenkel entlang. Annette wurde schlecht, alles drehte sich in ihr. Sie wollte endlich hier raus. „Hör auf damit,“ flüsterte sie unter Tränen, doch Matthias lachte nur. Dann ließ er endlich ihre Hand los und fuhr ihr durch die Haare, während seine andere Hand immer weiter unter ihren Rocken glitt. Während Annette einerseits verzweifelt versuchte, sich von Matthias zu lösen, tastete sie nach dem Türgriff. Wenn sie die Tür erst mal aufhatte, würde sie schon irgendwie aus dem Auto fliehen können, dachte sie. Als Matthias versuchte sie zu küssen, drehte Annette heftig den Kopf zur Seite, was ihn dazu veranlasste, ihren Kopf gewaltsam zu sich zu reißen. Endlich ertastete Annette den Türgriff, doch als sie versuchte ihn hinunterzudrücken, geschah nichts. Verzweifelt drückte sie ihn fester hinunter, aber es geschah immer noch nichts. „Du kommst hier erst raus, wenn ich es will,“ flüsterte Matthias plötzlich in ihr Ohr. Er hatte also die Tür verriegelt, weil er genau wusste, dass sie nicht freiwillig in seinem Auto bleiben würde. Dann war seine Stimme wieder an Annettes Ohr: „Eigentlich ist dein Verhalten ja eine ziemliche Beleidigung für mich,“ säuselte er und fügte noch hinzu: „Ich bin nämlich wirklich gut im Bett.“ Sie spürte wie Matthias Hand unter ihr Shirt glitt. Irgendwie musste sie ihn doch abwehren können, dachte sie hilflos, wusste aber gleichzeitig, dass er wesentlich stärker als sie war und ihr letztendlich nur noch mehr weh tun würde. Trotzdem, sie konnte es nicht einfach so geschehen lassen. Als sie spürte, wie Matthias mit einer einzigen heftigen Bewegung ihren String zerriss, wurde ihr klar, dass es schnell gehen musste, oder es würde zu spät sein. Sie brauchte irgendetwas, womit sie ihn niederschlagen konnte, und sich so viel Zeit verschaffen konnte, dass sie die Verriegelung lösen und aus dem Auto herauskommen konnte. Annette wusste, dass in ihrer Tasche nichts brauchbares vorhanden war. Ihre Wasserflasche war leer und aus Plastik und ansonsten hatte sie ja nur ihre Kleidung und... „Meine Schuhe!“ fiel es ihr siedenheiß ein. Auch die Tanzschuhe mit dem spitzen Absatz hatte sie in ihrer Eile nicht ausgezogen. Wenn es ihr gelang, ihm ihren Absatz in die Augen zu stoßen, konnte sie bestimmt fliehen. Und wenn nicht, - daran wollte sie gar nicht denken. Matthias merkte glücklicherweise nicht, wie Annette vorsichtig nach ihrem Schuh tastete und auch nicht, wie sie ihn zu fassen bekam und ihn langsam auszog. Dann hielt sie ihn fest und drehte ihn so, dass sie ihn im richtigen Augenblick Matthias entweder ins Auge oder zu mindestens gegen die Schläfe schlagen konnte. Wieder war er plötzlich ganz nah an ihrem Ohr und flüsterte: „Du kannst ruhig zugeben, dass es dir gefällt, denn ich weiß, dass es so ist.“ Dann löste er sich von ihr und richtete sich ein wenig auf. Er sah sie abschätzend an und grinste. Annette schwante bei diesem Blick nichts Gutes, und sie sollte recht behalten, denn Matthias begann langsam seine Hose aufzuknöpfen. Für einen Moment war Annette wie erstarrt, dann wurde ihr bewusst, dass genau das der Augenblick war, auf den sie gewartet hatte. Mit beiden Händen an der Hose und den Gedanken bereits bei dem, was er mit Annette vorhatte, war Matthias viel zu langsam um dem Schlag, den Annette ihm mit dem Schuh verpasste, auszuweichen. Sie traf ihn direkt neben dem linken Auge, und er taumelte zurück, hielt sich die Hand auf die blutende Wunde und schrie auf. Damit hatte er nicht gerechnet. Hektisch löste Annette die Verriegelung und es gelang ihr endlich die Autotür aufzudrücken. Doch Matthias hatte sich bereits wieder gefangen. Mit einem wütenden Aufschrei stürzte er auf sie, sodass sie beide auf das harte Pflaster des Gehwegs knallten. Annette schlug hart mit dem Kopf auf und spürte das warme Blut an ihrem Hinterkopf. Für einen Moment dachte sie, sie würde das Bewusstsein verlieren, so schwindelig war ihr. Matthias saß mittlerweile auf ihr und riss ihr die Arme hoch, damit er sie besser festhalten konnte. Sie fuhren über den Asphalt und Annette wusste, dass sie zahlreiche Schürfwunden davon tragen würde. Aber was noch schlimmer war: Sie hatte keine Chance mehr zu entkommen und war Matthias hilflos ausgeliefert. Als sie seinen wütenden Blick sah, wünschte sie sich plötzlich, sie wäre tot. „Lieber tot, als das hier,“ dachte sie verzweifelt. Er lächelte schon wieder. Es war ein kaltes Lächeln und Annette schloss schnell die Augen um es nicht sehen zu müssen. „Keine Angst,“ flüsterte er leise, „ich weiß, warum du das getan hast. Dir geht das alles ein bisschen zu schnell. Du möchtest, dass es ganz langsam geht.“ Das „ganz langsam“ betonte er, um auch keinen Zweifel daran zu lassen, dass er sie bis zum Ende quälen wollte. „Sieh mich an,“ befahl er, was Annette nur dazu brachte, die Augen noch fester zusammenzupressen. Daraufhin verpasste Matthias ihr eine Ohrfeige. Sie hatte den Schlag natürlich nicht kommen sehen und knallte deshalb mit voller Wucht erneut auf die harten Steine. Vor Schmerz schrie sie auf, und in dem Augenblick wurde ihr klar, dass sie einfach nur schreien brauchte. Auch wenn das hier eine dunkle Gasse war, vielleicht würde sie trotzdem irgendwer hören und ihr zu Hilfe kommen, oder zu mindestens die Polizei rufen. Oder ihr Schreien würde Matthias so in Panik versetzen, dass er selber von ihr abließ. Also tat sie es. Sie begann so laut sie konnte zu schreien. Sofort versuchte er ihr den Mund zuzuhalten, doch es gelang ihr seine Hand abzuschütteln und erneut zu schreien. Und plötzlich hörte sie Hundegebell. Vielleicht hatte ein Hund sie gehört und würde seinen Besitzer direkt zu ihnen führen. „Verdammt, du blöde Schlampe!“ schrie Matthias und sprang auf. Er versetzte Annette noch einen festen Tritt in den Magen, durch den ihr für einige Sekunden die Luft wegblieb, dann rannte er zu seinem Auto, riss Annettes Tasche heraus, schmiss sie auf die Straße, stieg ein und fuhr davon. Annette konnte sich kaum bewegen. War er wirklich einfach so in sein Auto gestiegen und jetzt davon gefahren? Warum bloß hatte sie nicht schon vorher geschrieen? Natürlich, im Auto hätte sie so viel schreien können, wie sie wollte, gehört hätte sie dort ohnehin keiner, aber sobald sie draußen war, hätte sie anfangen sollen zu schreien. Es gab vieles was sie an diesem Abend hätte anders machen können, dachte sie verstört und richtete sich langsam auf. Ihre Arme brannten und ihre Jacke war total zerrissen. Ihr kam die Gegend plötzlich sehr bekannt vor. Ihre Wohnung war nur wenige Querstraßen von hier entfernt, sie konnte in zehn Minuten da sein. Sie griff nach ihrer Tasche, in der jede Menge Ziegelsteine sein mussten, so schwer war sie und begann langsam und total verstört sich auf den Nachhauseweg zu machen.

    Ralf wartete ungeduldig vor der Tanzschule. Wo war Annette bloß? Es stand kein einziges Auto mehr vor der Tür, aber in der Tanzschule selbst brannte noch Licht und die bekannten Töne der Musik drangen bis nach hier draußen. Es war bereits 22 Uhr 20 und morgen sollten sie alle nach Aachen zum Turnier fahren. War dieser Trainer wirklich so unerbittlich, dass er sie immer noch trainieren ließ? Oder waren womöglich alle schon längst nach Hause gefahren, und Ralf machte sich komplett zum Idioten indem er hier wartete. Aber Annette hätte ihn doch sicherlich angerufen, wenn sie schon zu Hause wäre oder nicht? An ihr Handy ging sie jedenfalls nicht, was darauf schließen ließ, dass sie immer noch dort drin war. Er beschloss gerade, kurz reinzugehen, und nachzusehen, als die Musik plötzlich aufhörte. Wenig später ging die Tür der Tanzschule auf und ein Mädchen trat heraus. Sie wirkte extrem blass und abgeschafft und trat auf das einzige Auto zu, das, abgesehen von Ralfs, noch in der Nähe parkte. „Hey, warte mal,“ rief Ralf und rannte auf sie zu. „Ähm, weißt du wo Annette ist?“ fragte er schnell, weil er sie nicht zu lange aufhalten wollte. Sie sah ihn verwundert an. „Die anderen sind schon gegen 21 Uhr hier abgehauen. Morgen ist mein erstes Turnier, ich springe für Roxy ein, deshalb habe ich noch länger trainiert,“ erklärte sie, nicht ohne Stolz. „Danke,“ antwortete Ralf verwirrt und ging langsam zurück zu seinem Auto. Annette war also längst zu Hause und hatte ihm nicht Bescheid gesagt, dachte er wütend. Noch wütender dachte er daran, wie er den halben Tag damit verbrachte hatte, Cordula dazu zu überreden, morgen zu dem letzten Turnier zu kommen und es schließlich auch geschafft hatte. Er wusste wie viel es Annette bedeuten würde, morgen Cordula dabei zu haben, aber offensichtlich bedeutete ihr seine eigene Gegenwart nichts. Trotzdem hatte Ralf ein ungutes Gefühl. Hatte Annette ihm nicht gestern noch gesagt, dass es ihr wirklich viel bedeutete, dass er sich so um sie kümmerte? Und das hatte sie bestimmt nicht einfach nur so gesagt. Sie hatte es gemeint, dessen war er sich sicher. Und wenn er sich jetzt wirklich komplett zum Affen machte, er musste bei ihr zu Hause vorbeifahren, und nachsehen, ob es ihr gut ging und wenn dem so war, würde er gleich weiter zu sich fahren und sie nicht weiter belästigen. Andererseits hoffte er natürlich, dass es ihr gut ging und es irgendeinen irrelevanten Grund dafür gab, dass sie ihn nicht angerufen hatte. Er drückte das Gaspedal stärker durch. Plötzlich wollte er nichts mehr, als sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war.

    Annette saß auf dem Boden ihrer Dusche, die Arme eng um ihre Beine geschlungen. Ihre Tränen vermischten sich mit dem mittlerweile kalten Wasser aus der Dusche. Sie wusste nicht, wie lange sie bereits so da saß und es war ihr auch völlig egal. Das Wasser sorgte dafür, dass die Wunden an ihren Armen und auf ihrer rechten Wange kontinuierlich brannten, aber es war nicht unangenehm, denn der körperliche Schmerz lenkte sie auf gewisse Weise ab. Sie war völlig apathisch und konnte kaum einen klaren Gedanken fassen. Auf dem Weg nach Hause hatte sie sich immer wieder gesagt, dass sie zur Polizei gehen sollte, aber jetzt fehlte ihr der Mut dazu. Was, wenn man ihr keinen Glauben schenkte?
    Ein Klingeln an der Tür riss sie aus ihren Gedanken. Annette spürte, wie erneut Panik in ihr aufstieg. Konnte das Matthias sein? Sie stellte schnell das Wasser aus und stand auf. Wer auch immer klingelte, sollte sie nicht hören können und wissen, dass sie zu Hause war. Sie wollte niemanden sehen. Dann fiel ihr ein, dass sie als sie endlich zu Hause angekommen war, in der ganzen Wohnung das Licht eingeschaltet hatte. Selbst ein Blinder konnte sehen, dass sie da war. Es klingelte erneut. Annette griff nach ihrem Bademantel und wickelte sich fest darin ein. Dann warf sie einen Blick in den Spiegel. Während ihre linke Wange leicht angeschwollen war, konnte man auf der rechten deutliche Abschürfungen sehen. Ihre Augen waren knallrot und auch ihre Lippe leicht aufgeplatzt. So würde sie ohnehin niemandem die Tür aufmachen können. Dann fiel ihr das morgige Turnier ein. Sie würde auf gar keinen Fall da hin fahren können. Mal abgesehen davon, dass sie Matthias auf gar keinen Fall begegnen wollte, so wie sie im Gesicht und an den Armen aussah, konnte sie ohnehin nicht auftreten. Schon wieder klingelte es, dieses Mal länger, lauter, energischer. „Geh doch einfach weg,“ flüsterte Annette leise. Dann hörte sie wie jemand ihren Namen rief. Ralf. Sie spürte wie ihr erneut Tränen die Wangen hinunterliefen. Sie wollte ihn nicht sehen. Doch, korrigierte sie sich, sie wollte ihn sehen, aber sie wollte nicht, dass er sie so sah. Andererseits ließ sich das sowieso nicht verhindern, da er sich garantiert wundern würde, warum sie nicht zum Turnier erschien. Wenn sie lange genug wartete, würde er dann weggehen? Sie wusste, dass wenn er nicht bald ging, sie ihm die Tür aufmachen würde. Irgendwie hatte sie plötzlich das Gefühl jemanden zu brauchen, der sie einfach nur festhielt und bei ihr war. Hier alleine in der Wohnung zu sein, machte ihr furchtbare Angst. Als Ralf erneut ihren Namen rief und noch ein verzweifeltes „Bitte, mach auf,“ hinterher schob, trat Annette zur Tür. Bevor sie sie öffnete, wischte sie sich noch schnell mit der Hand die Tränen aus dem Gesicht, auch wenn das jetzt auch schon egal war.
     
  9. HMJ821

    HMJ821 New Member

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    AW: *When the music fades*

    Je länger Ralf vor Annettes verschlossener Wohnungstür stand und klingelte, umso verstörter wurde er. Die ganze Wohnung war hell erleuchtet, aber durch das Fenster hatte er sie nicht sehen können. Er wusste, dass sie zu Hause war, aber sie machte ihm einfach nicht auf. Lag es an ihm, wollte sie ihn einfach nur nicht sehen, oder war irgendetwas vorgefallen? Natürlich wollte er nicht, dass es an ihm lag, aber andererseits hoffte er inständig, dass nichts wirklich schlimmes passiert war. Vielleicht schlief sie, und hatte Schlaftabletten genommen? Aber dann hätte sie sicher das Licht ausgemacht. Oder sie war gerade im Badezimmer und hörte ihn deshalb nicht. Vielleicht hatte sie Musik auf den Ohren. Dann hörte er plötzlich leise Geräusche hinter der Tür und klingelte und rief erneut. Er lauschte leise. Annette schien direkt hinter der Tür zu stehen, aber warum machte sie ihm nicht auf. Er hörte wie die Tür vorsichtig entriegelt wurde und atmete erleichtert auf. In wenigen Minuten würde er vermutlich beruhigt nach Hause fahren können. Eine Sekunde später stellte er fest, dass dem nicht so war. Ralf hatte Annette kaum gesehen, denn sie war ihm direkt in den Arm gefallen und klammerte sich jetzt an ihm fest, wie ein Ertrinkender sich an der rettenden Boje festhalten würde. Sie war offensichtlich gerade aus der Dusche gekommen, denn sie trug nur einen Bademantel und ihre Haare waren noch komplett nass. „Annette, du erkältest dich noch,“ flüsterte Ralf und schob sie sanft in die Wärme der Wohnung zurück, ohne sie loszulassen. Er schloss die Tür hinter ihnen und streichelte ihr beruhigend über den Kopf. Was war bloß passiert? Er wollte sie fragen, wusste aber gleichzeitig, dass sie ihm in ihrem jetzigen Zustand ohnehin keine klare Antwort würde geben können. Er musste sie irgendwie dazu bringen, dass sie sich beruhigte. Andererseits wurde ihm plötzlich bewusst, dass so sehr er es auch hasste, Annette leiden zu sehen, es dennoch kein unschönes Gefühl war, hier zu stehen und sie an sich gedrückt zu halten. Ralf strich ihr vorsichtig über den nassen Rücken, den er durch den dünnen Stoff des Bademantels fühlen konnte. Er wollte versuchen sie vorsichtig ins Wohnzimmer zu dirigieren, damit sie sich setzen und sich vielleicht in eine etwas dickere Decke einwickeln konnte, doch Annette klammerte sich nur noch mehr an ihm fester und flüsterte unter Tränen: „Bitte, lass mich nicht los.“ „Schon gut,“ murmelte Ralf erschrocken. Er musste wissen, was passiert war, dass Annette veranlasste sich so an ihm festzuhalten. Als er spürte, wie sie immer mehr anfing zu zittern und zu schluchzen, sagte er leise: „Ich bringe dich jetzt ins Wohnzimmer, dann stehst du nicht hier auf den kalten Fliesen.“ Annette nickte zwar, machte aber keine Anstalten ihn loszulassen. Also schob Ralf sie vorsichtig und Schritt für Schritt die wenigen Meter, bis sie an ihrem Sofa angekommen waren. Endlich ließ Annette ihn für einen kurzen Moment los und setzte sich neben ihn hin. Diese wenigen Sekunden reichten für Ralf auf, um sie kurz ansehen zu können, und er erschrak umso mehr, als er ihr Gesicht sah. Dann fielen ihm die Schürfwunden an ihren Armen auf. „Mein Gott, was ist denn bloß passiert?“ brach es aus ihm heraus, während Annette sich abermals fest an ihn drückte. Doch sie schüttelte nur den Kopf, um ihm zu verstehen zu geben, dass sie nicht darüber reden wollte. Ralf konnte sie nicht zwingen, aber er spürte plötzlich einen dicken Knoten in seiner Brust. Es bestand immer noch die Möglichkeit, dass Annette einen Unfall gehabt hatte, aber eigentlich gab es für ihn nur noch eine Frage: Wer hatte ihr das angetan und was genau hatte er mit ihr angestellt? „Halt mich einfach nur fest, ja?“ murmelte Annette, den Kopf auf seine Brust gelegt. „Worauf du dich verlassen kannst,“ entgegnete Ralf und griff nach der Decke, die noch auf dem Sessel lag, um Annette damit zuzudecken.

    Annette wusste nicht, wie lange sie so dagelegen hatte. Sie wusste nur, dass sie sich irgendwann beruhigt hatte. Ralf hatte die ganze Zeit über nicht damit aufgehört, ihr über den Kopf zu streicheln, - ein angenehmes und gleichzeitig extrem beruhigendes Gefühl. Plötzlich fiel ihr auf, dass sie in den letzten paar Minuten nicht an die Geschehnisse des Abends gedacht hatte. Sie hatte einfach nur dagelegen und das Gefühl genossen, dass da jemand war, der sich um sie kümmerte und sie festhielt. Doch jetzt war alles wieder da. Sie merkte, wie wieder Tränen in ihr aufstiegen, wusste aber gleichzeitig, dass sie mittlerweile so viel geweint hatte, dass sie nicht mehr konnte. Annette wollte sich endlich jemandem anvertrauen, wollte endlich jemandem berichten, was geschehen war. Ralf hatte die ganze Zeit da gesessen und sie gehalten, ohne ihr dumme Fragen zu stellen. Sie war ihm mehr als dankbar, dass er sie nicht dazu zwang ihm zu berichten, was passiert war. Andererseits war es unter Garantie auch für ihn nicht gerade einfach. Wahrscheinlich machte er sich wahnsinnige Sorgen um sie und wollte endlich wissen, was los war. Annette schloss die Augen und atmete tief durch. Sie würde es ihm jetzt erzählen. Sie musste es ihm erzählen, musste es aus ihrem Kopf bekommen. Hoffentlich versuchte er sie nicht dazu zu überreden zur Polizei zu gehen. Aber vielleicht war es sogar das Beste, wenn sie zur Polizei ginge. Denn wenn er einer anderen Frau dasselbe antat, nur weil sie ihn nicht angezeigt hatte, würde sie sich das nie verzeihen können. „Ralf?“ Annette setzte sich vorsichtig auf, und warf ihm einen kurzen Blick zu. “Ja?” Er sah sie ernst an und berührte vorsichtig ihre geschwollene Wange. Sie schloss die Augen und atmete erneut tief durch. Wie sollte sie anfangen? Sie konnte ihm nicht alles, Detail für Detail erzählen, dazu war sie momentan nicht in der Lage, aber ihm nur zu sagen, was beinahe passiert wäre, erschien ihr irgendwie zu wenig. Trotzdem, es musste erst mal reichen. „Ich, ich...“ Ralf ergriff ihre Hände und hielt sie fest. Sanft streichelte er sie, ohne sie dazu zu drängen, weiter zu reden. Er saß einfach nur da und sah sie ruhig an, obwohl er innerlich danach brannte, die Wahrheit, und möge sie noch so furchtbar sein, endlich zu erfahren. Annette spürte wie schon wieder die Tränen in ihr aufstiegen. Wenn sie die Worte jetzt nicht herausbrachte, würde sie wieder in Tränen ausbrechen und wäre nicht mehr in der Lage weiterzureden. Sie schluckte einmal, dann sagte sie schnell: „Ich wäre heute fast vergewaltigt worden.“ Kaum hatte sie die Worte herausgebracht, flossen auch schon wieder dicke Tränen über ihre Wangen und sie spürte, wie Ralf sie in den Arm nahm und sie fest an sich drückte.

    Alles in Ralfs Kopf drehte sich. Er konnte kaum einen klaren Gedanken fassen, wusste auch nicht, was er sagen sollte. Mit welchen Worten könnte er Annette irgendwie trösten? Gab es überhaupt irgendwelche Worte? Wenigstens waren seine allerschlimmsten Befürchtungen nicht bestätigt worden. Sie hatte „fast“ gesagt. Ralf merkte, dass das Weinen leiser und weniger wurde. Er musste jetzt irgendwas sagen, aber was? Er musste unbedingt herausfinden wer es war und er musste dafür sorgen, dass Annette Anzeige erstattete. Und das möglichst bald. Annette wandte ihm langsam das Gesicht zu. Sie sah wirklich furchtbar aus. „Was soll ich tun?“ flüsterte sie kaum hörbar. Ralf strich ihr vorsichtig über die Wange und entgegnete: „Du musst unbedingt Anzeige erstatten.“ Annette schloss bei diesen Worten die Augen. „Aber dann muss ich alles noch mal erzählen,“ murmelte sie verzweifelt. „Ich werde bei dir sein,“ antwortete Ralf und um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, drückte er Annette noch enger an sich. „Versprichst du es?“ „Was?“ „Versprichst du, dass du die ganze Zeit bei mir bleibst?“ “Natürlich bleibe ich bei dir,” sagte Ralf. Annette nickte, machte aber keine Anstalten aufzustehen. Sie hielt die Augen geschlossen und lehnte sich an Ralf. Nachdem sie eine Weile so dagesessen hatten, fragte Ralf vorsichtig, ob er sie jetzt fahren sollte. Annette nickte nur und stand auf.

    Nachdem sie bei der Polizei gewesen waren, um Anzeige zu erstatten, saßen Annette und Ralf jetzt im Krankenhaus, wo Annette untersucht werden sollte. Mit ihnen warteten zwei Polizistinnen. Ralf warf Annette einen vorsichtigen Seitenblick zu. Sie sah müde und geschafft aus, aber auf der anderen Seite auch erleichtert darüber, dass sie das Ganze endlich hatte erzählen können. Man hatte ihnen gesagt, dass Matthias bereits zum Verhör geholt worden war. Eine Ärztin trat auf sie zu. Annettes Hand krallte sich automatisch fester um Ralfs. Er strich beruhigend darüber und warf ihr einen aufmunternden Blick zu. „Kommen Sie bitte mit mir mit,“ sagte die Ärztin in einem freundlichen Ton und Annette stand auf, ohne dabei Ralf loszulassen. Er sah sie unsicher an. Wollte sie tatsächlich, dass er jetzt mitkam? Die Frage wurde von der Ärztin beantwortet, die nun zu Ralf gewandt sagte: „Sie warten bitte hier, ja?“ Annette sah ihn kurz an, zuckte teilnahmslos mit den Achseln und ließ seine Hand los. „Ich warte hier, okay?“ Sie nickte nur leicht und folgte dann der Ärztin in eines der Behandlungszimmer. Nachdem sie weg war, schloss Ralf müde die Augen und lehnte sich an die Wand. Er war froh darüber, dass er Annette dazu hatte überreden können, Anzeige zu erstatten, auch wenn es für sie mehr als schwer gewesen war und es auch lange gedauert hatte, bis sie alles erzählt hatte. Zum Glück waren die Polizistinnen sehr einfühlsam gewesen und hatten ihr Zeit gegeben. Für Ralf war es wirklich schlimm gewesen, sich all das anhören zu müssen. Er hatte nicht hören wollen, wie Annette gelitten hatte, aber auf der anderen Seite war er auch froh gewesen, dass sie ihm so vertraute, dass er dabei bleiben durfte. Mittlerweile war es fast 2 Uhr nachts und Ralf spürte langsam die Erschöpfung der vergangenen Stunden. Dann fiel ihm ein, dass er Annette auch versprochen hatte, Max anzurufen. Er holte sein Handy aus der Tasche und entfernte sich ein paar Schritte von den Polizistinnen und wählte die Nummer. Nach einigem Klingeln meldete sich eine verschlafene Stimme und Ralf erklärte kurz wer er war. Als er sagte, dass es um Annette ginge, war Max Reaktion sofort: „Kann sie morgen tanzen?“ Ralf runzelte die Stirn. Hatte er jetzt wirklich richtig gehört? Dieser Typ wusste noch nicht einmal, was passiert war und es schien ihn auch nicht wirklich zu interessieren. Nur ob Annette tanzen konnte, das wollte er wissen. Doch er musste sich ihr zuliebe beherrschen. Also atmete er einmal tief durch, ignorierte die Frage und berichtete, was geschehen war. Am anderen Ende der Leitung war es kurz still, dann sagte Max: „Das mit Matthias ist nicht schlimm, auf den können wir gut verzichten. Und Annettes Verletzungen kann man ganz sicher überschminken. Alles kein Problem.“ Er klang erleichtert. Ralf spürte, wie die Wut immer mehr in ihm aufstieg. „Reiß dich zusammen,“ zwang er sich und sagte so ruhig wie möglich: „Wie sie vielleicht schon bemerkt haben, ist es mittlerweile 2 Uhr und Annette ist immer noch hier im Krankenhaus zur Untersuchung. Sie wird morgen zu ihrem bescheuerten Turnier kommen, aber sie wird nicht morgen um 7 Uhr an der Tanzschule stehen. Das Ganze fängt doch sowieso erst um 13 Uhr an, und ich werde Annette morgen um 11 Uhr dahin bringen. Das muss reichen.“ Das war zwar nicht das gewesen, was Annette ihm aufgetragen hatte zu sagen, aber das war ihm egal. Er würde nicht zulassen, dass sie morgen schon um diese Zeit wieder an der Tanzschule stand und dann unnötigerweise fast 5 Stunden in Aachen rumstand, bevor das Turnier überhaupt anfing. „Na schön,“ lenkte Max ein. Vermutlich hätte er Annette etwas anderes gesagt, aber durch Ralfs bestimmten Ton blieb ihm nichts anderes übrig als dem Kompromiss zuzustimmen. „Sorgen Sie dafür, dass sie pünktlich ist,“ sagte er noch in einem befehlenden Ton, dann war die Leitung tot. Er hatte aufgelegt. Ralf starrte fassungslos das Telefon an. Was war das nur für ein Mensch? Er schüttelte ungläubig den Kopf. Offensichtlich interessierte es ihn überhaupt nicht, was mit Annette war, er hatte nicht einmal nachgefragt wie es ihr ging. Wie es ihr körperlich ging, das hatte er wissen wollen, aber nicht wie es ihr wirklich ging. Egal, er musste vor Annette so tun, als wäre alles in bester Ordnung und ihr Trainer hätte gesagt, dass er sich sehr freuen würde, wenn sie käme, es aber auch verstehen würde, wenn sie zu Hause blieb. So etwas in der Art. „Nicht mal gute Besserung hatte Max ihr gewünscht,“ dachte Ralf verärgert, aber er durfte sich nicht weiter darüber aufregen. Er überlegte kurz, ob er Cordula anrufen sollte. Er wusste, dass er es eigentlich tun sollte, aber Annette hatte ihn gebeten es nicht zu tun, also unterließ er es. Cordula würde ausrasten, wenn sie davon erfuhr. Auf der anderen Seite konnte er auch Annette verstehen. Sie wusste, welche Sorgen Cordula sich um sie machte und wollte sie nicht durch einen nächtlichen Anruf noch mehr in Sorge versetzen. Andererseits waren Freunde dafür da. Vielleicht konnte er Annette später noch dazu überreden, dass er Cordula kurz anrufen sollte.
    Die Tür des Behandlungszimmers öffnete sich wieder und Annette kam heraus. Ralf ging mit schnellen Schritten auf sie zu und nahm sie in den Arm. „Die wollen, dass ich hier über Nacht bleibe, aber das will ich nicht,“ flüsterte sie leise, „ich will einfach nur nach Hause.“ „Schon gut, du musst nicht hier bleiben, wenn du nicht willst, ich bringe dich nach Hause.“ Die Ärztin, die hinter den beiden stand und Annette gehört hatte, seufzte leicht, zuckte aber mit den Schultern und ging zurück in das Behandlungszimmer. Kurz darauf kam sie zurück, in der Hand eine Schachtel mit Tabletten. „Ich gebe Ihnen ein paar Schlaftabletten für die Nacht mit, aber nehmen Sie nicht mehr als zwei,“ sagte sie, „brauchen Sie auch noch Schmerztabletten?“ „Nein, danke,“ murmelte Annette und nahm die Packung an sich. „Gut, dann werde ich jetzt mit den beiden Damen von der Polizei reden,“ sagte die Ärztin und winkte den Beiden zu ihr zu kommen. „Kann ich sie jetzt nach Hause bringen?“ fragte Ralf und eine der Polizistinnen nickte und sagte: „Ich denke wir haben alles, was wir brauchen.“ Die andere fügte hinzu: „Danke, dass sie sofort Anzeige erstattet haben, und gute Besserung.“ Dann waren die beiden im Behandlungszimmer verschwunden. „Komm ich fahre dich nach Hause,“ sagte Ralf und nahm Annettes Hand in seine.
     
  10. HMJ821

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    AW: *When the music fades*

    Annette lag in ihrem Bett und starrte an die Decke. Sie hatte keine Ahnung, wie spät es war, noch interessierte es sie. Sie wusste, dass sie schlafen sollte und dass sie besser daran getan hätte, eine der Schlaftabletten zu nehmen. Aber sie dachte auch an das morgige Turnier. Wenn sie jetzt eine Tablette schluckte, würde sie sich morgen total groggy fühlen, und das wollte sie vermeiden. Vielleicht würde sie auch irgendwann so einschlafen. Ralf betrat mit einer Tasse heißer Milch das Zimmer und setzte sich zu ihr ans Bett. Dankbar nahm sie ihm die Tasse ab und trank vorsichtig einen kleinen Schluck. Zwar bezweifelte sie, dass sie von der warmen Milch so müde wurde, dass sie einschlief, aber sie fand es wirklich rührend, wie Ralf sich um sie kümmerte. „Danke, dass du mitgekommen bist,“ murmelte sie leise. Sie war ihm wirklich dankbar. Wäre er nicht dabei gewesen, hätte sie es nie geschafft ihre Aussage zu machen. Doch nun war sie mehr als froh. Sie fühlte sich erleichtert, und wusste, dass wenn sie nicht zur Polizei gegangen wäre, sie diese Sache noch wochenlang belastet hätte. Jetzt aber hatte sie das Gefühl, dass sie es, mit Hilfe ihrer Freunde schnell vergessen würde können. Ihre Freunde. Bis jetzt wusste ja nur Ralf davon. Eigentlich hätte sie Cordula anrufen sollen. Aber sie wollte weder, dass Ralf das für sie übernahm, noch wollte sie im Moment selber anrufen und alles noch mal erzählen. Natürlich würde sie es Cordula sagen, aber eben nicht jetzt. Ralf strich ihr ein paar Haare aus dem Gesicht und Annette schloss die Augen. Irgendwie war sie doch ganz schön müde, stellte sie fest. Aber die Vorstellung hier alleine zu liegen, machte ihr Angst. Ralf hatte versprochen, über Nacht hier zu bleiben, aber das Wohnzimmer war so furchtbar weit weg, oder so kam es ihr zu mindestens vor. „Ralf?“ fragte sie vorsichtig und er sah sie an. „Ich weiß, das ist vielleicht etwas komisch, aber kannst du dich nicht zu mir legen? Ich will hier nicht alleine sein.“ „Natürlich,“ antwortete Ralf und Annette rutschte etwas zur Seite, damit er sich neben sie legen konnte, was er auch sogleich tat. Sie legte den Kopf auf seiner Brust ab und spürte wie er einen Arm um sie legte. Es fühlte sich gleich so viel besser an, als hier alleine zu liegen, dachte sie. Dann fiel ihr noch etwas ein: „Stellst du noch einen Wecker, damit wir morgen pünktlich kommen?“ bat sie Ralf schläfrig, doch noch bevor er etwas antworten konnte, war sie eingeschlafen.

    9 Uhr 37. Wenn er Annette um 11 Uhr in Aachen haben wollte, müsste Ralf sie jetzt wecken. Aber es widerstrebte ihm, sie wegen des blöden Turniers aus ihrem Schlaf reißen zu müssen. Immerhin hatte sie in etwa sechs Stunden geschlafen, aber er fand, dass das immer noch zu wenig sei. Er selber war nur immer mal wieder kurz eingenickt. Den Rest der Nacht hatte er damit verbracht, Annette anzusehen, ihr blasses Gesicht und ihre geschwollene Wange. Trotzdem war sie so unglaublich hübsch und während sie schlief wirkte sie so friedlich. Wenn er sie aufweckte, wäre der ganze Schrecken der vergangenen Nacht wieder da. Aber das konnte er ihr ohnehin nicht ewig ersparen. Er zögerte es nur heraus und riskierte, dass sie nicht pünktlich in Aachen ankamen. Also fasste er sich ein Herz und flüsterte leise ihren Namen. So leise, dass es fast unmöglich war, es zu hören, selbst wenn man wach war. Sanft berührte er sie an der Schulter und sagte erneut ihren Namen, dieses Mal um einiges lauter. Verschlafen öffnete Annette die Augen und sah ihn müde an. Dann sagte sie plötzlich „Aua“ und stöhnte leicht auf. „Was ist los?“ wollte Ralf erschrocken wissen. „Die Prellungen,“ entgegnete Annette nur, dann wollte sie wissen, wie viel Uhr es war und Ralf sagte es ihr. Während sie daraufhin schnell aus dem Bett krabbelte und sich auf den Weg Richtung Badezimmer machte, sprang Ralf auf. Ihm war aufgefallen, dass er selber vielleicht auch eine Dusche vertragen könnte und was noch viel wichtiger war, dass er frische Klamotten anzog. Das sagte er Annette und versprach ihr auch, dass er sofort zurückkommen würde. Dann fiel ihm plötzlich etwas anderes ein: Michael und Cordula. Er hatte den Beiden gesagt, dass er sie gegen 12 Uhr abholen würde, damit sie gemeinsam zum Turnier fahren konnten. Er könnte Michael anrufen und ihn bitten Cordula abzuholen, aber dann würden die beiden sich vermutlich nur wieder Sorgen machen. Ob sie es schafften in einer halben Stunde fertig zu sein? Annette würde es sicher gut tun, vor dem Turnier mit Cordula reden zu können, die Frage war nur, ob sie das wollte. Er hörte aus dem Badezimmer noch kein rauschendes Wasser, also war Annette offensichtlich noch nicht unter der Dusche. Schnell ging er zur Tür, klopfte an und rief ihren Namen, damit sie wusste, dass er es war. Als sie antwortete, fragte er direkt, ob es ihr recht sei, wenn Cordula und Michael auch mitkämen. Annette zögerte einen Moment, bevor sie „Meinetwegen,“ entgegnete. „Okay, ich bin dann in etwa in einer halben Stunde zurück,“ rief Ralf. Während er zur Tür hinausging, wählte er schon die Nummer von Cordula.

    „Ich kann das alles gar nicht glauben,“ rief Cordula entsetzt und drückte Annette zum wiederholten Mal an sich. Die beiden saßen auf der Rückbank von Ralfs Wagen. Michael, der bisher nur schweigend zugehört hatte, saß vorne neben Ralf. „Warum hast du mich nicht direkt gestern Abend angerufen?“ wollte Cordula wissen und sah Annette fragend an. Ralf stellte fest, dass es ihr im Vergleich zu gestern Abend relativ gut zu gehen schien. Zwar waren während sie Cordula von dem Vorfall berichtet hatte, wieder Tränen geflossen, aber Annette schien sich einigermaßen beruhigt zu haben. „Ich wollte nicht, dass du dir Sorgen machst,“ entgegnete sie jetzt leise, „und außerdem habe ich mich jetzt Wochen bei dir nicht gemeldet. Ich wollte nicht dass du dir ausgenutzt vorkommst.“ „So ein Blödsinn,“ sagte Cordula, „egal wie sehr wir uns streiten, du weißt doch, dass du im Notfall immer zu mir kommen kannst.“ „Ja,“ murmelte Annette. Sie wollte im Moment nicht an die vergangenen Wochen denken, in denen sie sich nicht bei Cordula gemeldet hatte. Trotzdem war sie heute hier. Erst jetzt wurde Annette langsam bewusst, was für tolle Freunde sie hatte. Ralf, der Abend für Abend zu ihr gekommen war und für sie gekocht hatte, der sich gestern so rührend um sie gekümmert hatte. Cordula, die trotz allem zu ihrem letzten Turnier hatte mitkommen wollen, und die sie jetzt tröstend in den Arm nahm und ihr nicht eine Sekunde lang einen Vorwurf während ihres Verhaltens machte. Und natürlich Michael, der keine dummen Fragen stellte und der ebenfalls zu diesem letzten, entscheidenden Turnier mitgekommen war, obwohl sie sich auch ihm gegenüber nicht gerade freundschaftlich verhalten hatte. Und das war bevor er und Cordula erfahren hatten, was gestern passiert war. „Dass ihr mitgekommen seid, bedeutet mir wirklich sehr viel,“ sagte Annette schuldbewusst und sah Cordula an. „Dafür erwarten wir aber auch wieder den ersten Platz,“ entgegnete Cordula in einem aufmunternden Tonfall. Sie wusste, dass Annette sich Vorwürfe machte, wegen dem was in der letzten Zeit geschehen war. Sie wollte, dass sie es vergaß und nicht mehr daran dachte. Annette hatte schon mit dem gestrigen Vorfall genug zu kämpfen, sie sollte nicht auch noch wegen ihr ein schlechtes Gewissen haben und sich schlecht fühlen.

    Als Annette die Umkleide betrat, herrschte wie immer geschäftiges Treiben. Die meisten waren zwar schon geschminkt und fertig, aber eben nicht alle. „Annette, endlich,“ rief Max genervt, zieh dich schnell um und lass dich fertig machen, in einer halben Stunde haben wir eintanzen. Kein Wort darüber, wie es ihr ging, stellte sie fest. Hoffentlich hatte er nicht allen gleich erzählt, was passiert war, aber dass etwas war, konnten schließlich alle sehen. „Ich schminke dich,“ rief Cindy und winkte Annette zu sich herüber. Schnell ging sie zu ihr hin. „Schönen Gruß von Roxy,“ meinte sie, nachdem Annette sich gesetzt hatte. „Danke, wie geht es ihr?“ fragte Annette, froh darüber, dass Cindy sie nicht gleich auf ihre Verletzungen angesprochen hatte. „Sie fährt am Montag in eine zwei-wöchige Kur an die Nordsee. Zum Glück bezahlt die Krankenkasse, aber es ist schon komisch. So lange waren wir beide noch nie auseinander,“ plapperte sie fröhlich weiter. Annette wusste, dass die Fröhlichkeit nur aufgesetzt war. Sie fragte sich ohnehin, warum Cindy immer noch in diesem Team war. Sie hatte eindeutig Max die Schuld am Zustand ihrer Schwester zugewiesen und jetzt stand sie hier und tat so, als wäre nichts. Doch da Annette im Augenblick keine Lust hatte, sich auch darüber noch Gedanken zu machen, sagte sie nichts weiter. Lukas gesellte sich mit einer Cola Light in der Hand zu ihnen und beobachtete, wie Annette geschminkt wurde.
    „Echt super von dir, dass du trotz deines Unfalls heute gekommen bist,“ sagte er und sah sie an. Unfall? Das also hatte Max ihnen gesagt? Dass sie einen Unfall gehabt hatte? Was er ihnen wohl zu Matthias Abwesenheit gesagt hatte? „Was ist denn genau passiert?“ fragte Lukas jetzt neugierig nach, wurde aber im gleichen Moment von Max gerufen, sodass Annette die Frage nicht beantworten musste, worüber sie mehr als froh war. Sie wollte nicht lügen, aber gleichzeitig fühlte sie sich nicht in der Lage diesen Leuten, die sie im Grunde genommen ja kaum kannte, die Wahrheit zu sagen.

    Cordula, Ralf und Michael saßen auf der Mitteltribüne in der zweiten Reihe und warteten ungeduldig darauf, dass endlich Annettes Mannschaft dran kam. Nachdem sie sie heute morgen an der Halle abgesetzt hatten, waren sie noch in einem Restaurant frühstücken gewesen, da die Halle für sie erst um halb eins geöffnet wurde und sie nicht beim Eintanzen hatten zugucken dürfen. Das, was Annette Cordula und Michael nur in groben Stichpunkten erzählt hatte, erzählte Ralf jetzt aus seiner Sicht. Er verschwieg auch nicht die Tatsache, dass sie weder gestern Abend noch dann heute Morgen etwas gegessen hatte und dass ihm das Sorgen machte. Er war so froh gewesen, dass Annette endlich wieder angefangen hatte, mehr zu essen, umso größer war seine Sorge darüber, dass sie wieder damit anfing, nichts zu essen, auch wenn es unter den Umständen vielleicht nicht besonders außergewöhnlich war. Gerade tanzte das Team aus Münster, jedoch schenkte keiner der drei dem ganzen besonders viel Beachtung, schließlich kannten sie die Choreographie bereits. „Im Vergleich zu gestern Abend war sie heute morgen allerdings ziemlich ruhig und gefasst,“ sagte Ralf gerade. „Wahrscheinlich der Schock,“ vermutete Cordula. Während jetzt das Team aus Iserlohn die Tanzfläche betrat, diskutierten die Freunde noch die unmögliche Reaktion des Tanzlehrers Max, den ohnehin keiner von ihnen mochte. Dann endlich sagte der Moderator die Kölner Formation an.


    Als Annette die Tanzfläche betrat, entdeckte sie ihre Freunde sofort auf der mittleren Tribüne. Sie lächelte leicht, denn es freute sie wirklich, dass ihre Freunde da waren. „Oh Mist,“ murmelte Lukas leise neben ihr. „Was?“ fragte Annette erschrocken, weiter lächelnd, während sie auf ihre Position gingen. „Die Federn,“ antwortete Lukas, woraufhin Annette einen Blick auf den Boden warf. Das Team aus Iserlohn hatte Federkleider und offensichtlich hatte das Reinigungsteam nicht gerade die beste Arbeit geleistet, denn überall lagen noch Federn rum. Wie sie beim Eintanzen bemerkt hatten, war die Tanzfläche ohnehin schon ziemlich glatt, jetzt noch mit den Federn würde es mehr als leicht passieren, dass jemand ausrutschte. Sie mussten also besonders vorsichtig sein, ohne es sich anmerken zu lassen. Lukas ergriff Annettes Hand und lächelte leicht. „Wir schaffen das schon,“ sagte er aufmunternd, da er merkte, dass sie von der Situation ziemlich irritiert war. Dann setzte die Musik ein. Am Anfang ging alles gut. Annette konnte sehen, dass Max soweit ziemlich zufrieden war mit ihrem Auftritt. Es schien so, als würde trotz der Federn alles super laufen. Annette hatte immer noch leichte Schmerzen, aber während sie jetzt tanzte, war alles vergessen. Sie dachte nur an die nächsten Schritte, konzentrierte sich auch nicht mehr auf die am Boden liegenden Federn, und dann geschah es: Während Lukas sie in der Rumba drehte, trat sie auf eine der Federn und spürte wie sie weg glitt. Lukas versuchte sie noch zu halten, aber es hatte keinen Sinn, sie knickte mit dem Fuß um und fand sich kurz darauf auf dem Boden wieder. Schnell zog ihr Tanzpartner sie wieder hoch und noch im selben Takt tanzte sie wieder. Doch sie wusste, dass etwas nicht stimmte. Ihr linker Fuß, mit dem sie umgeknickt war, tat tierisch weh. Sie war nur froh, dass es bereits fast am Ende der Musik passiert war, denn wenige Takte später wurde die Musik leiser und sie waren fertig. „Geht es?“ fragte Lukas besorgt und Annette nickte tapfer. Sie stützte sich auf ihn, während sie nun die Tanzfläche verließen.

    Zunächst hatte es für sie ausgesehen, als wäre Annettes Sturz nicht besonders schlimm gewesen. Sie war weggerutscht, aber kurz darauf stand sie schon wieder und bewegte sich als wäre nichts passiert. Doch jetzt, wie sie von de Tanzfläche gingen, sahen Ralf, Michael und Cordula, dass Annette humpelte. „Nicht auch das noch,“ murmelte Cordula. Und Michael sagte: „Wir müssen zu ihr gehen, vielleicht sollte sie besser zu einem Arzt.“ Ralf schüttelte den Kopf. Er wusste, dass Max auf gar keinen Fall damit einverstanden wäre, wenn sie jetzt zu dritt in der Umkleidekabine auftauchen würden. Mal ganz davon abgesehen, dass sie auch Annette keinen besonders großen Gefallen damit tun würden. „Hier gibt es doch einen Arzt,“ erklärte Ralf deswegen, obwohl er nicht davon überzeugt war, dass Annette diesen aufsuchen würde. Doch die Antwort schien zu mindestens Cordula etwas zu beruhigen. Vermutlich war es sowieso nicht so besonders schlimm. Annette war leicht umgeknickt und hatte sich vermutlich nur den Knöchel etwas gestaucht. Mit ein bisschen Eis würde die Schwellung bestimmt wieder zurückgehen.

    Mehr als etwas Eis bekam Annette von Max auch nicht. Erstaunlicherweise war er aber nicht sauer auf sie, dass sie umgeknickt war, sondern schimpfte auf das Team aus Iserlohn, dass ihnen gegenüber so unfair war, und Kleider trug, die während des Tanzens halb auseinander fielen. Außerdem schimpfte er auf das Fegeteam, das nicht in der Lage war, vernünftig zu fegen. Während viele der anderen ihm zustimmte, sagte Annette nichts. Durch die Kälte des Eisbeutels spürte sie keine Schmerzen mehr. Sie hoffte nur, dass es so blieb, bis sie nachher wieder auf die Tanzfläche musste. Lukas hatte vorgeschlagen, dass sie den Turnierarzt aufsuchen sollte, was ihm einen mehr als bösen Blick von Max eingebracht hatte. Annette wusste, warum Max nicht wollte, dass sie zum Arzt ging. Wenn der Turnierarzt ihr sagte dass sie die zweite Runde nicht mittanzen konnte, dann war das eine endgültige Entscheidung. Und dann hätten sie ein Problem, denn es gab niemanden, der Annettes Position würde tanzen können. Sie musste dadurch, und solange es irgendwie ging, würde sie es auch durchziehen. Sie besah sich ihren Knöchel, der ein bisschen geschwollen war, aber dank dem Eis nicht allzu schlimm. Das einzige Problem wäre, dass sie vielleicht nicht mehr in der Lage wäre, ihre Tanzschuhe anzuziehen. Aber auch das würde sie irgendwie hinbekommen, dachte sie tapfer. „Dieses Wochenende geht aber auch wirklich alles schief,“ dachte sie wütend. Sie konnte es kaum erwarten, dass das Turnier endlich vorbei wäre. Die Relegation war in einem Monat. Bis dahin würde Max ganz sicher jemanden gefunden haben, der für sie tanzen konnte. Und wenn nicht, dann war das auch nicht ihr Problem. Ihre Entscheidung stand fest. So viel Spaß ihr das Tanzen auch gemacht hatte, in diesem Team würde sie nicht weitertanzen. Mal ganz davon abgesehen, dass sie zu diesem Zeitpunkt ja nicht wissen konnte, ob sie mit ihrem Fuß überhaupt tanzen konnte, hatte die Erfahrung des gestrigen Abends sie auch zu dieser Entscheidung getrieben. Sie hatte erkannt, dass sie ihre Freunde mehr als nur vermisst hatte und sie wollte endlich wieder mehr Zeit mit ihnen verbringen können. Und sie hatte gesehen, was mit Roxy passiert war. Und auch wenn sie sich selber immer etwas anderes eingeredet hatte, wusste sie, dass sie ebenfalls ihre Gesundheit aufs Spiel gesetzt hatte. Aber das Hauptargument für sie, waren in der Tat ihre Freunde. Sie dachte an den ganzen Spaß, den sie immer zusammen gehabt hatten. Und selbst wenn sie jetzt ihre Freunde traf, um Spaß zu haben, war sie immer viel zu müde gewesen. Auf Michaels Geburtstagsparty beispielsweise war sie kaum in der Lage gewesen, den Gesprächen der anderen zuzuhören. Sie hatte nur daran gedacht, wie müde sie war, wie sehr sie nach Hause wollte, und wie das nächste Turnier wohl werden würde. Das musste sich ändern, und es würde sich auch ändern. Annette überlegte, ob sie Max ihre Entscheidung jetzt mitteilen sollte, entschied sich aber dagegen. Nach dem Turnier wäre immer noch genügend Zeit dazu. Wenn sie es ihm jetzt sagte, würde das eventuell für schlechte Stimmung im Team sorgen. „Wie geht es dem Fuß?“ riss Cindy sie aus ihren Gedanken. Annette warf wieder einen Blick auf ihren Fuß und stellte fest, dass er noch mehr angeschwollen war. „Gut,“ sagte sie dennoch, „es tut kaum noch weh.“ Das stimmte, es tat wirklich nicht besonders weh, aber das lag wohl eher daran, dass er von Kälte ganz betäubt war. „Ich hab dir ein neues Kühlkissen mitgebracht,“ sagte Cindy jetzt und tauschte es gegen das alte aus. Für einen Augenblick war es wieder sehr kalt, dann gewöhnte Annette sich an die Kälte. „Leute, wir sind im großen Finale!“ rief Franzi gerade und kam zurück in die Garderobe. Allgemeines erfreutes Gemurmel trat daraufhin ein, Cindy zuckte teilnahmslos mit den Schultern: „Ich habe eigentlich nichts anderes erwartet, du?“ Sie sah Annette an und lächelte ironisch. Annette lachte leicht. Sie wusste dass Cindy darauf anspielte, dass man bei dem ganzen Training auch kaum noch etwas anderes als den ersten Platz machen konnte. Zum wiederholten Male fragte sie sich, warum Cindy überhaupt noch tanzte. Doch sie hatte kaum Gelegenheit darüber nachzudenken, denn in diesem Augenblick betrat Max die Umkleide wieder. „Leute, die Auslosung hat ergeben, dass wir jetzt als erstes tanzen müssen,“ sagte er, „in einer halben Stunde, nach der Pause sind wir wieder dran.“ Annette seufzte leise. Sie hatte gehofft, ihren Fuß noch etwas länger kühlen zu können, aber jetzt musste sie sich schon wieder fertig machen für den zweiten Durchgang.
     
  11. HMJ821

    HMJ821 New Member

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    AW: *When the music fades*

    Das Kölner Team stand am Rand der Tanzfläche, um sich für das große Finale aufzuwärmen. Bis hierhin war Annette mehr mit Humpeln und Hüpfen, als mit Laufen gekommen. Ihr Fuß tat jedes Mal, wenn sie auftrat tierisch weh, und sie hatte keine Ahnung, ob sie die folgenden sechs Minuten irgendwie überstehen würde. Es hatte schon damit angefangen, dass sie kaum in den Tanzschuh reingekommen war, da der Fuß so angeschwollen war, dass es fast nur mit Gewalt funktionierte. „Irgendwie geht das schon,“ sagte Annette sich immer und immer wieder, ohne wirklich daran glauben zu können. Sie wollte nur, dass es endlich vorbei war. Sie wünschte sich, sie würde zu Hause auf ihr Sofa legen können, den Fuß mit einem neuen Kühlkissen versehen und Ralf neben sich. Ralf. Warum dachte sie ausgerechnet jetzt an ihn? Sie warf einen schnellen Blick auf die Tribüne und der Anblick ihrer Freunde beruhigte sie wieder etwas. Natürlich würde sie es schaffen, noch diese sechs Minuten. Sie sollte es genießen, denn es war das letzte Mal, dass sie auf einer Tanzfläche vor Publikum stehen würde. Erstaunlicherweise machte dieser Gedanke sie nicht im geringsten traurig, ganz im Gegenteil. Sie war mehr als erleichtert, dass bald alles vorbei war. Alle möglichen Unternehmungen, die sie mit ihren Freunden würde machen können, traten vor ihr inneres Auge und heiterten sie um einiges auf. Der Moderator betrat die Bühne, um sie anzusagen. Langsam ging das Team los. Annette schloss die Augen, denn bereits der erste Schritt verursachte solche Schmerzen, dass sie kaum an den nächsten denken wollte. Sie sah, dass Lukas sie besorgt ansah und lächelte leicht, um ihm zu zeigen, dass er sich keine Sorgen machen brauchte. Aber sie wusste selber, dass ihr Lächeln nicht sehr ernst rüberkam. Es war ohnehin egal. Mit dem Erreichen des großen Finales war dem Team die Relegation sicher. Natürlich war es Max ehrgeiziger Plan, dass sie als Erste in die Relegation kam, aber letztendlich war es egal. Und ihr selber war es mehr als nur egal, denn sie würde bei der Relegation nicht mehr dabei sein. Vielleicht konnte sie kurzfristig Urlaub nehmen, mal wieder wegfahren, entspannen. Sie sah, dass Max das Zeichen gab und kurz darauf setzte die Musik ein. Noch ein letztes Mal würde sie sich darauf konzentrieren müssen, noch ein letztes Mal über die Tanzfläche fliegen. Und mehr als das, sie musste die Schmerzen für die nächsten sechs Minuten vergessen.

    Als das Kölner Team in die Halle gekommen war, hatte man deutlich gesehen, dass Annette ziemliche Schmerzen hatte. Sie hatte kaum vernünftig gehen können und ihr Fuß war so angeschwollen, dass man es sogar von der Tribüne aus hatte sehen können. „Warum hat der Arzt ihr erlaubt weiterzutanzen?“ fragte Cordula verwundert und gleichzeitig besorgt. Ralf zuckte nur mit den Schultern. Er wusste, dass Annette nicht beim Arzt gewesen war. Er hoffte nur, dass sie es dennoch irgendwie würde schaffen können, zu tanzen. Jetzt, als sie auf der Tanzfläche standen, sah man nichts mehr von Annettes Schmerzen. Es war, als wäre alles wie immer. Dennoch wusste Ralf, dass es nicht so war. Ein Außenstehender würde es natürlich nicht bemerken, aber Annettes Gesicht wirkte gequält und alles andere als glücklich. Immerhin hatten sie als erstes tanzen können, und die Tanzfläche war perfekt gefegt. Niemand fiel hin oder rutschte aus. Dann wurde die Musik leiser. Ralf war so in Gedanken gewesen, dass er kaum bemerkt hatte, wie schnell die Zeit vergangen war. Jetzt musste er bestürzt feststellen, wie Annette von ihrem Tanzpartner hochgehoben und von der Tanzfläche herunter getragen wurde. Sie musste wirklich ziemliche Schmerzen haben, denn sie schien nicht mehr laufen zu können. Doch was für Ralf noch mehr weh tat, war zu sehen, wie sie sich an Lukas festhielt. Hatte sie sich nicht gestern noch genauso an ihn geklammert? Und er hatte sich eingebildet, dass es etwas bedeutete. Dass sie sich so an ihm festhielt, weil er ihr etwas bedeutete und weil sie ihm vertraute. Und jetzt hielt sie sich genauso an diesem Typen fest. Aber warum interessierte ihn das überhaupt? Annette war eine Freundin von ihm, nicht seine Freundin. Es konnte ihm doch vollkommen egal sein, an wem sie sich festhielt. Aber es war ihm nicht egal, stellte er bestürzt fest. Und dann dachte er wieder an seinen Traum. Vielleicht hatte er ja doch etwas zu bedeuten gehabt. Ausgerechnet jetzt, wo Annette verletzt war, und einen Tag nachdem sie fast vergewaltigt worden wäre, stellte er sie sich nackt unter der Dusche vor? Er schüttelte sich leicht, um die Bilder aus seinem Kopf zu vertreiben, aber es gelang ihm nicht so recht. „Ralf!“ Cordula riss ihn aus seinen Gedanken. „Ja?“ Verwirrt sah er sie an, und hoffte, dass er jetzt nicht auch noch laut gedacht hatte. „Ich habe gesagt, dass wir nach Annette sehen sollten und sie zu einem Arzt bringen sollten,“ sagte Cordula. „Ja, du hast Recht,“ stimmte Michael zu, „der Arzt hier scheint ja nicht besonders viel zu taugen.“ Ralf runzelte die Stirn. Glaubten die beiden tatsächlich noch, dass Annette bei dem Turnierarzt gewesen ist? Egal, auf jeden Fall hatten sie recht. Und es interessierte ihn auch nicht, was Max dazu sagte. Sie würden Annette holen und ins nächste Krankenhaus bringen.

    Annette saß in der Umkleidekabine, den Fuß hochgelegt, und hörte teilnahmslos Max´Worten zu. Er kritisierte immer nach jedem Auftritt alles, was sie falsch gemacht hatten. Er hatte auch etwas zu ihr gesagt, darüber, dass sie so steif gewirkt hatte, oder etwas in der Art, aber sie hatte ihm kaum zugehört. Es war ihr sowieso egal, schließlich war das ihr letztes Turnier gewesen. Jetzt gerade zählte er noch all das auf, was Natalie alles falsch gemacht hatte. Es war eine ganze Menge, aber was erwartete er? Dies war ihr erstes Turnier und sie hatte erst vor wenigen Tagen erfahren, dass sie überhaupt tanzen mochte. Annette warf ihr einen Blick zu. Sie schien Max Worte kaum in sich aufzunehmen. Sie war scheinbar einfach nur glücklich, dass sie überhaupt hatte tanzen dürfen. Dann fiel Annettes Blick auf die anderen Ersatztänzerinnen. Eine von ihnen würde ihre Position übernehmen, und sich am Anfang vermutlich genauso darüber freuen, wie Natalie sich jetzt freute. Aber ob sie der Person damit wirklich einen Gefallen tat, bezweifelte sie. Aber darauf konnte sie jetzt keine Rücksicht nehmen. Sie hatte lange genug Rücksicht auf dieses Team genommen, jetzt musste sie auch mal an sich selber denken. Annette fasste ihren ganzen Mut zusammen und sah Max an. Er hatte gerade seine Rede gegenüber Natalie beendet und wandte sich jetzt ihnen allen zu. „Da uns die Relegation ohnehin sicher ist, egal welchen Platz wir jetzt heute machen, sollten wir schon mal den Trainingsplan der nächsten Wochen besprechen.“ Annette widerstrebte es zwar, vor dem ganzen Team zu sagen, dass sie nicht mehr weitermachen würde, aber es spielte jetzt auch keine Rolle mehr. Unfair dem Team gegenüber wäre es nur, nicht die Wahrheit zu sagen, denn damit nahm sie ihnen die Chance frühzeitig einen geeigneten Ersatz zu finden. „Ich werde ab Montag nicht mehr zum Training kommen,“ sagte sie deshalb schnell, bevor sie es sich anders überlegen konnte. „Was?“ Max sah sie an als würde er ihr gleich an die Gurgel springen. Alle anderen sahen sie zwar auch leicht überrascht an, aber wirklich erstaunen tat dies scheinbar keinen. Alle hatten damit gerechnet, dass der eine oder der andere, nicht mehr lange dabei bleiben würde. Die Ersatztänzerinnen sahen alle sehr erfreut aus, - natürlich einer von ihnen bekam die Chance an ihrer Stelle zu tanzen. Bevor Max jedoch wirklich etwas sagen konnte, kam plötzlich Ralf in die Umkleidekabine. „Was haben Sie denn hier zu suchen?“ fragte Max wütend. Ralf ignorierte ihn und trat neben Annette. „Wir bringen dich jetzt ins Krankenhaus,“ sagte er bestimmt, „wo ist deine Tasche?“

    Ralf, Cordula und Michael saßen im Wartezimmer des Krankenhauses. Annette war gerade in einem Untersuchungszimmer. „Sie hat gesagt, dass sie nicht mehr zum Training kommen wird,“ sagte Ralf freudig erregt. Bevor er die Umkleidekabine betreten hatte, hatte er gehört, wie der Trainer das arme Mädchen, das seiner Meinung nach überhaupt nicht schlecht getanzt hatte, kritisiert hatte, und dann hatte er gehört, wie Annette verkündet hatte, ab Montag nicht mehr zum Training kommen zu wollen. Bevor Max auch nur die Gelegenheit hatte, versuchen zu können, Annette vom Gegenteil zu überzeugen, war Ralf eingeschritten und hatte Annette mitgenommen. Sie trug immer noch ihr Tanzkleid und war auch immer noch geschminkt. Ralf hätte ihr die Gelegenheit gegeben, noch zu duschen, aber als er gesehen hatte, wie sehr ihr Fuß mittlerweile angeschwollen war, hatte er sich dagegen entschieden und sie sofort mitgenommen. Der Trainer hatte natürlich versucht sie davon abzuhalten, aber Gott sei Dank hatte sie nicht auf ihn gehört. „Bist du dir sicher, dass sie das gesagt hat?“ fragte Cordula hoffnungsvoll und Ralf nickte. „Ja, ich bin mir sicher,“ entgegnete er. „Aber vielleicht hast du es auch nur falsch verstanden, vielleicht wollte sie einfach nur sagen, dass sie mit ihrem Fuß am Montag nicht würde kommen können. Sie meinte bestimmt nicht, dass sie gar nicht mehr zum Training kommt, oder?“ „Ich weiß es wirklich nicht,“ entgegnete Ralf. Genau diese Befürchtung hatte er auch schon gehabt, aber Annettes Worte hatten irgendwie anders geklungen. Und irgendwie war da die Hoffnung, dass sie tatsächlich vorhatte, das Tanzen komplett aufzugeben. Das würde bedeuten, dass sie viel mehr Zeit miteinander verbringen konnten. Andererseits würde es natürlich auch bedeuten, dass er sich nicht mehr um Annette würde kümmern müssen, und das machte ihn irgendwie traurig. Natürlich freute er sich, wenn es ihr wieder besser ging und sie wieder Abend um Abend mit Cordula verbringen würde, aber irgendwie hatte er es doch in der letzten Zeit mehr als nur genossen, Zeit mit ihr zu verbringen. Er dachte daran, wie er die letzte Nacht mit ihr in ihrem Bett verbracht hatte, wie sie in seinen Armen eingeschlafen war, wie er für sie gekocht hatte und wie er sie massiert hatte. All das würde jetzt nicht mehr so sein. Er würde nicht mehr die Nächte bei ihr verbringen. Sie würde nicht mehr in seinen Armen einschlafen und er würde auch nicht mehr für sie kochen. Die Tür des Behandlungszimmers ging auf und der Arzt kam heraus. Hinter ihm humpelte Annette vorsichtig heraus. Ihr Bein war nicht eingegipst worden, aber sie trug einen Verband. Ralf stand auf und trat zu ihr, damit sie sich auf ihn stützen konnte. „Also, denken Sie daran, das Bein schön hochlegen, und nicht zu viel in der Gegend herumlaufen.“ Annette nickte leicht und nahm die Krankschreibung des Arztes entgegen. „Nächste Woche Freitag gehen Sie zu ihrem Hausarzt und der wird dann entscheiden, ob sie noch weiter krankgeschrieben werden oder nicht.“ „Okay,“ Annette nickte, schüttelte die Hand des Arztes und dann konnten sie gehen.

    Die Rückfahrt nach Köln verging extrem schnell. Annette wirkte plötzlich mehr als nur fröhlich. Irgendwie erleichtert und nach langer Zeit wieder glücklich. Sie war eine Woche lang krankgeschrieben worden. Eine ganze Woche, ohne Arbeit ohne Tanzen. Sie würde sich einfach nur erholen können, lange schlafen können, aufstehen können, wann sie wollte und abends ihre Freunde treffen. Sie stellte sich vor, was sie in der Zeit alles würde machen können und sie konnte es kaum erwarten. Endlich mal wieder ein Buch lesen, fernsehen, ins Kino gehen oder sich in ein Café setzen und einfach mal einen Capuccino trinken können, ohne auf die Kalorien achten zu müssen. Was sie noch mehr erfreute, war die Tatsache, dass ihre Freunde über ihre Entscheidung ebenfalls sehr glücklich zu sein schienen. Cordula hatte bereits in schillernden Farben darüber geredet, was sie alles würden machen können. Annette lächelte leicht, sie konnte es kaum erwarten. Nur Ralf schien irgendwie leicht bedrückt zu sein, und sie fragte sich warum. Sie betrachtete ihn von der Seite, während Cordula Spiele aufzählte, die sie bei ihrem nächsten Spieleabend würden spielen können. So sehr sie sich auch darauf freute, wieder mehr Zeit bei Cordula mit all ihre Freunden verbringen zu können, so sehr würde sie auch die Abende mit Ralf vermissen. Vorher war es ihr nicht bewusst, aber jetzt musste sie sich eingestehen, dass sie diese Abende sehr genossen hatte. Ralf hatte zwar immer nur etwas leichtes gekocht, und sie hatte kaum etwas gegessen und war immer mehr als nur müde gewesen, aber dennoch war es immer irgendwie schön gewesen. Sie musste daran denken, wie sie oftmals in Ralfs Armen auf dem Sofa eingeschlafen war, wie sanft Ralf sie massiert hatte und sie wusste, dass sie es vermissen würde. Dann dachte sie an den gestrigen Abend. Wie Ralf sich um sie gekümmert hatte, wie er sie in den Arm genommen hatte, wie er sie dazu überredet hatte, zur Polizei zu gehen und wie er die ganze Zeit nicht von ihrer Seite gewichen war. Sie schloss die Augen und stellte sich vor, wie sie in Ralfs Armen lag, sie konnte seine Hände fast auf ihren Schultern spüren. Warum dachte sie plötzlich daran? Warum dachte sie jetzt daran, wie sie in den Armen von einem ihrer besten Freunde lag? Schließlich war Ralf ein Freund von ihr und nicht ihr Freund. Ihr Freund. Das wäre ja auch noch schöner, ausgerechnet Ralf. Andererseits hatte sie ihn in den letzten Tagen von einer ganz anderen Seite kennengelernt. Er war immer derjenige gewesen, der einen lustigen Spruch machte, der herumalberte und irgendwelche verrückten Sachen anstellte. Doch jetzt hatte sie auf einmal seine andere, irgendwie sanfte und auch zärtliche Seite gesehen. Sie öffnete die Augen um festzustellen, dass alle sie ansahen. Sie waren an einer roten Ampel angelangt und Annette entdeckte, dass sie bereits in Köln angekommen waren. „Ist was?“ fragte sie unsicher. Hatte sie etwa laut gedacht? „Ich wollte wissen, ob wir noch was essen gehen,“ meinte Cordula und sah sie erwartungsvoll an. Annette zögerte leicht. Sie wollte Zeit mit ihren Freunden verbringen, aber jetzt in ein Restaurant zu gehen, da hatte sie nicht wirklich Lust zu. Ralf wandte sich wieder der Ampel zu und auch Cordulas Gesicht verzog sich immer mehr zu einem enttäuschten Ausdruck, je länger Annette zögerte. „Gegenvorschlag,“ sagte sie schließlich, „wir holen etwas zu essen, und wir essen alle bei mir. Ich muss ohnehin erstmal duschen, bevor ich überhaupt irgendwohin gehe kann.“ „Okay,“ entgegnete Cordula und strahlte wieder. „Was wollt ihr? Chinesisch? Pizza?“ Cordula sah Annette an, die lachen musste. „Such du aus,“ antwortete sie.

    Als Annette am nächsten Morgen aufwachte, fühlte sie sich irgendwie einsam, aber dennoch glücklich. Es war fast 11 Uhr, so lange hatte sie schon seit langem nicht geschlafen. Und das Beste war, dass sie noch eine Weile würde liegen bleiben können. Sie musste nirgendwo hin, konnte tun und lassen, was sie wollte und musste sich nicht abhetzen. Genießerisch schloss sie die Augen und dachte, dass es noch schöner wäre, wenn Ralf jetzt hier neben ihr liegen würde. Erschrocken riss sie die Augen wieder auf. Wie schon gestern konnte sie sich ihre eigenen Gedanken nicht erklären. Warum wünschte sie sich, dass ausgerechnet Ralf jetzt hier neben ihr lag? Erneut konnte sie seine Hände auf ihrem Körper fühlen, wie er sie sanft massierte. Ihr Telefon riss sie aus ihren Gedanken. Schnell griff sie danach und hob den Hörer ab. „Ja, bitte?“ fragte sie und lächelte, als sie Ralfs Stimme hörte. „Hey, ich hoffe ich habe dich nicht geweckt,“ sagte er und als sie dies verneinte, fuhr er fort: „Ich habe mir gedacht, dass du bestimmt wieder nichts zu essen da hast, und wollte fragen, ob du Lust auf einen kleinen Brunch hast.“ „Ja, sicher, komm vorbei,“ entgegnete Annette erfreut. Dann stand sie zum ersten Mal seit Wochen auf, ohne das Gefühl zu haben, noch Stunden weiter schlafen zu können und ging ins Badezimmer.
     
  12. HMJ821

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    28
    AW: *When the music fades*

    Ralf wusste, dass er vermutlich viel zu viele Sachen eingepackt hatte, aber es war ihm egal. Besser zu viel als zu wenig hatte er sich gesagt und trug jetzt den schweren Korb zu Annettes Wohnung. Kurz nachdem er geschellt hatte, öffnete sie ihm auch schon die Tür. „Hey,“ sie strahlte ihn an und ließ ihn hinein. „Wie geht es deinem Fuß?“ fragte Ralf und betrachtete Annette genauer. Sie trug eine bequeme Sporthose und ein enges T-Shirt. Einfach Sachen, die man anzog, wenn man einen Tag zu Hause verbrachte, aber sie sah darin trotzdem mehr als nur umwerfend aus. „Besser,“ antwortete sie gerade, „aber es tut beim Laufen immer noch ziemlich weh.“ „Du sollst ja auch nicht laufen,“ entgegnete Ralf lächelnd. „Was hast du denn alles mitgebracht?“ wollte Annette neugierig wissen und versuchte einen Blick in seinen Korb zu erhaschen. Ralf hielt ihn jedoch so, dass sie ihn nicht sehen konnte und antwortete: „Du setzt dich jetzt erstmal auf das Sofa und machst es dir bequem.“ Mit diesen Worten schüttelte er ein paar Kissen auf und Annette setzte sich. „Jetzt werde ich schon wieder so verwöhnt,“ murmelte sie leicht verlegen. Ralf ging in die Küche um ein Kühlpad, sowie Teller und Besteck zu holen, dann kam er zurück und sagte: „Ich verwöhne dich gerne.“ „Klingt gut, aber pass auf, dass ich das nicht ausnutze.“ Ralf lachte leicht, setzte sich neben sie und packte langsam seinen Korb aus. „Wie lange willst du denn bleiben?“ fragte Annette beim Anblick all der Lebensmittel. „Bis du mich rausschmeißt,“ entgegnete Ralf.
    Nachdem Annette ein halbes Brötchen gegessen hatte sah sie Ralf vorsichtig an. „Schon wieder satt?“ fragte er, doch sie schüttelte den Kopf. „Ich habe gerade daran gedacht, dass ich mich noch gar nicht dafür bedankt habe, was du alles getan hast.“ „Was meinst du?“ wollte Ralf verwundert wissen, „die paar Sachen in einen Korb zu packen hat nicht wirklich viel Arbeit gemacht.“ „Nein, das meine ich nicht,“ antwortete Annette ernst. „Ich meine, dass du in den letzten Wochen immer da warst und dich um mich gekümmert hast.“ Mit leiser Stimme fügte sie hinzu: „Und, dass du am Freitag da warst.“ Ralf stellte seinen Teller ab und nahm Annette in den Arm. „Das war doch selbstverständlich,“ antwortete er. „Es hat mir trotzdem viel bedeutet,“ sagte Annette und lehnte sich an Ralf an. Dieser griff nach dem kleingeschnittenen Obst, das auf dem Tisch stand. „Jetzt essen wir erstmal schön weiter,“ sagte er und schob Annette eine Weintraube in den Mund. Sie lächelte leicht und murmelte: „Jetzt fängst du schon wieder an mich zu verwöhnen.“ „Und ich tu es immer noch gerne.“ „Jetzt fehlt nur noch eine Massage,“ sagte sie scherzhaft, woraufhin Ralf sie dazu aufforderte sich umzudrehen. „Ralf, das war ein Scherz,“ lachte Annette und fügte noch hinzu: „Außerdem hast du mich letztens schon massiert, jetzt wärst du erstmal dran.“ „Bin ich auch einverstanden mit,“ meinte Ralf grinsend und stellte die Obstschale wieder auf dem Tisch ab. „Okay, dreh dich um, und zieh das Shirt aus,“ forderte Annette ihn auf und stand auf. Sie humpelte ins Bad und kam kurz darauf mit einem Handtuch und einem kleinen Fläschchen zurück. Vorsichtig setzte sie sich auf Ralfs Beine und tröpfelte etwas Öl aus der Flasche in ihre Hand. Dann begann sie Ralfs Rücken zu massieren, was dieser mit gelegentlichen, genießerischen Seufzern quittierte. „Du sagst ja Bescheid, wenn ich dir weh tue, oder?“ „Mmh,“ nickte Ralf nur, „gleich bist du aber dran.“ „Okay.“ Annette ließ ihre Hände weiter über Ralfs Rücken fahren, bis dieser sich umdrehte und sie aufforderte sich jetzt hinzulegen. Sie zögerte einen Augenblick, dann zog sie ihr Shirt aus und legte sich hin. Sobald sie lag, griff sie nach ihrem BH, um ihn zu öffnen. Ralf sah ihr sprachlos dabei zu. Eigentlich war es nichts besonderes, er hatte Annette schon öfter im Bikini gesehen, aber jetzt war es irgendwie etwas anderes. Er schluckte einmal, bevor er nach der Flasche griff und sich Öl in die Hand träufeln ließ. Da Annette auch am Rücken noch einige Kratzer hatte, musste er vorsichtig sein, dass diese Stellen nicht mit dem Öl in Berührung kamen. Auch die Prellungen trugen nicht wirklich dazu bei, dass das Massieren besonders angenehm für sie war, obwohl Ralf sich wirklich alle Mühe gab. „Kannst du meinen BH wieder zu machen?“ fragte sie deshalb nach einer kurzen Zeit, was dieser auch sogleich tat. Dann drehte sie sich wieder zu ihm um. Ralf setzte sich so hin, dass Annette sich aufsetzen konnte, und er nicht mit ihrem verletzten Knöchel in Berührung kam. Er stellte fest, dass er immer noch nicht sein T-Shirt wieder angezogen hatte, und auch Annette machte keine Anstalten, das ihrige wieder anzuziehen. Stattdessen sah sie ihn abwartend an. Auch sie schien nicht recht zu wissen, was sie jetzt tun sollte. „Noch Hunger?“ fragte Ralf also, um das peinliche Schweigen zu überbrücken und griff nach der Obstschale. Annette lächelte leicht und ließ sich von Ralf eine weitere Weintraube in den Mund schieben. Dieser fuhr mit der Hand sanft über Annettes Wange. Sie schloss für einen kurzen Moment die Augen und wünschte er würde ewig so weitermachen. Vorsichtig legte sie ihre Hand auf seine, und als sie die Augen wieder öffnete, war sein Gesicht plötzlich viel näher gekommen. Auf einmal wünschte sie sich nichts mehr, als dass Ralf sie küssen würde, wusste aber gleichzeitig, dass er es nicht tun würde. Nach allem, was am Freitag vorgefallen war, würde er sie auf keinen Fall jetzt erschrecken wollen, indem er sie küsste. Wenn sie es also wollte, würde sie es also wohl selber tun müssen. Aber was, wenn Ralf nur so nett zu ihr, war, weil sie befreundet waren? Was, wenn er einfach nur als guter Freund für sie da sein wollte? Was wenn sie ihn verschreckte? Annette zögerte, doch als sie sah, dass Ralf sie anlächelte, waren die Zweifel plötzlich wie weggeblasen. Sie beugte sich leicht vor, um Ralf vorsichtig zu küssen. Als sie merkte, dass Ralf den Kuss erwiderte, zog sie ihn näher an sich heran.
    „Ich habe mir so viel Mühe mit dem Brunch gegeben, und du hast gerade mal ein halbes Brötchen gegessen,“ meinte Ralf wenig später in einem beleidigten Ton. „Und zwei Weintrauben,“ fügte Annette hinzu, was Ralf zum Lachen brachte. Er lag neben ihr auf dem Sofa, stets bemühte weder ihren Knöchel, noch ihre Arme mit den Prellungen zu berühren. Wenn er etwas auf gar keinen Fall wollte, war das, ihr weh zu tun. Er konnte sein Glück immer noch kaum glauben. Annette hatte ihn wirklich geküsst. Am liebsten hätte er sie gefragt, wie viel ihr dieser Kuss bedeutet hatte, aber er hatte Angst vor der Antwort. Außerdem musste er sich selber darüber klar werden, was es für ihn bedeutete. Er sah sie an und plötzlich war ihm bewusst, dass er mit ihr zusammen sein wollte. Er wollte für sie da sein, sie vor Menschen wie Matthias beschützen und von ihr geliebt werden. „Kann ich das irgendwie wieder gut machen?“ fragte Annette gerade, was Ralf zunächst irritierte. Dann wurde ihm bewusst, dass sie vom Essen sprach. Er lächelte und flüsterte: „Ich bin mir sicher, da fällt uns was Gutes ein.“ Mit diesen Worten küsste er sie erneut. „Du könntest heute Abend mit mir essen gehen,“ sagte er, nachdem er sich von ihr gelöst hatte. Annette sah ihn leicht erstaunt an. Sie fuhr leicht mit ihrer Hand über seinen Arm und er musste lachen. „Das kitzelt,“ murmelte er, was Annette nur dazu animierte, weiter zu machen. Sie fuhr mit ihrer Hand seinen Hals hoch, strich ihm über die Wange und kitzelte ihn dann leicht hinterm Ohrläppchen. Ralf schüttelte sich leicht. „Wo man überall kitzelig sein kann,“ sagte er und griff nach Annettes Hand. „Willst du wirklich heute Abend noch weggehen?“ fragte sie und küsste ihn erneut. Ralf schloss die Augen. Wenn er sich zwischen der Option den Abend mit Annette auf der Couch oder mit ihr in einem Restaurant zu verbringen, entscheiden müsste, wusste er, was er wählen würde. Also schüttelte er den Kopf. „Eigentlich habe ich ja auch genug Essen mitgebracht,“ sagte er. Gedankenverloren ließ er die Finger um ihren Bauchnabel kreisen. Vielleicht wäre es doch besser, mit ihr zu reden, überlegt er, bevor das Ganze für einen von Beiden in einer Katastrophe enden würde. „Annette,“ setzte er vorsichtig an, doch sie unterbrach ihn mit einem „Psst. Nicht so viel reden.“ Bei diesen Worten hatte sie einen Finger auf seine Lippen gelegt, und kaum, dass sie ihn weggenommen hatte, konnte er auch schon wieder ihre Lippen auf seinen spüren. Er schloss die Augen und beschloss, es jetzt erst einmal zu genießen. Zum Reden war später immer noch genug Zeit.

    Als Annette am nächsten Morgen aufwachte, spürte sie als Erstes, Ralfs Hand, die vorsichtig ihren Kopf streichelte. Sie erinnerte sich daran, wie sie gestern Abend mit ihm auf der Couch gelegen hatte. Sie hatten einen Film geguckt und Ralf hatte sie genauso berührt, wie er es jetzt tat. Scheinbar war sie irgendwann eingeschlafen und er hatte sie in ihr Bett getragen. Der gestrige Tag war der Schönste seit Wochen gewesen. Auch wenn sie im Grunde genommen nichts anderes getan hatte, als den ganzen Tag eng umschlungen mit Ralf auf dem Sofa zu liegen. Immerhin hatte sie nur die Anweisungen des Arztes, der strenge Bettruhe und nicht zu viel Bewegung verordnet hatte, befolgt. „Guten Morgen,“ murmelte Ralf, dem aufgefallen war, dass sie wach geworden war, jetzt und gab ihr einen vorsichtigen Kuss auf die Wange. „Wie spät ist es?“ fragte sie verschlafen, dann fiel ihr ein, dass sie heute gar nicht zur Arbeit musste. Eine ganze Woche lang war sie krank geschrieben worden. „Halb zehn,“ antwortete Ralf. „Ich sollte mich mal langsam auf den Weg zur Arbeit machen.“ „Du willst gehen?“ Annette wandte sich ihm zu und schlang die Arme um seinen Körper. Sie wollte nicht, dass er ging, auch wenn sie genau wusste, dass er zur Arbeit gehen musste, und er am Abend wieder da sein würde. Ralf lachte. „Ein paar Minuten habe ich sicherlich noch,“ sagte er und küsste Annette. Diese lächelte zufrieden und ließ ihn los. Es war also alles doch kein Traum gewesen. Es war real. Ralf lag hier neben ihr und küsste sie. Sie spürte, wie seine Hände ihre Hüften umfassten und er sie näher an sich heran zog. Als er anfing, sie vorsichtig am Hals zu küssen, öffnete sie die Augen und murmelte: „Ich dachte, du musst los.“ Ralf sah sie unsicher an, befürchtete etwas falsch gemacht zu haben, doch Annette lächelte ihn an und küsste ihn erneut. Ihre Hände glitten sanft über seinen Rücken. Ralf wusste, dass er jetzt besser gehen sollte, sonst würde er heute nicht mehr wegkommen. Seufzend riss er sich von ihr los. „Ich komme heute Abend wieder vorbei, ja?“ Annette nickte leicht und Ralf fügte noch hinzu: „Und schön daran denken, was der Arzt gesagt hat. Nicht in der Gegen herumlaufen, schön die Beine hochlegen.“ „Ohne dich ist es aber so langweilig,“ entgegnete Annette und griff nach Ralfs Hand. Sie zog ihn an sich, um ihn ein letztes Mal zu küssen, dann ging er.

    Sie musste wieder eingeschlafen sein, denn als es plötzlich an ihrer Haustür schellte, fuhr Annette erschrocken hoch. Es klingelte erneut und sie rief „Ich komme ja schon.“ So schnell es mit ihrem verletzten Fuß ging, stand sie auf, und ging in Richtung Tür. Als ihr bewusst wurde, dass sie nur ihren BH trug, ging sie wieder zurück ins Schlafzimmer, um sich ein Top überzuziehen. Es klingelte schon wieder. Bis jetzt war Annette davon ausgegangen, dass es einer ihrer Freunde war, aber die würden garantiert nicht so ungeduldig klingeln, es sei denn es war etwas wirklich wichtiges. Deshalb warf sie, bevor sie die Tür öffnete, einen schnellen Blick durch den Spion. Erschrocken stellte sie fest, dass es Max war. Für einen kurzen Augenblick dachte sie darüber nach die Tür einfach nicht zu öffnen, aber da sie ja schon gerufen hatte, dass sie gleich da wäre, wusste er dass sie zu Hause war. Und egal, was er zu ihr sagte. Ihre Entscheidung nicht in das Team zurückzukehren, stand ohnehin fest. Als Max jetzt ein viertes Mal klingelte, öffnete sie deshalb die Tür. Er fragte nicht einmal, ob er hereinkommen konnte, sondern stürmte gleich an ihr vorbei und setzte sich in ihr Wohnzimmer. Annette schloss schulterzuckend die Tür hinter ihm und folgte ihm wesentlich langsamer. Normalerweise hätte sie ihm einen Kaffee oder einen Tee angeboten, aber so unmöglich wie er sich aufführte, beschloss sie es nicht zu tun. Bis auf Ralfs Korb war nichts mehr von dem gestrigen Essen zu sehen. Ralf musste gestern Abend noch alles verwahrt haben, dachte Annette. Irgendwie hatte sie plötzlich ein schlechtes Gewissen, weil er in der letzten Zeit so viel für sie getan hatte und sie sich mehr oder weniger von ihm bedienen ließ. Vielleicht könnte sie ihm heute Abend etwas leckeres kochen, dachte sie, bevor sie sich Max zuwandte. Erst jetzt fiel ihr auf, dass dieser sie unverwandt anstarrte. Sie erwiderte seinen Blick, woraufhin er das Gespräch begann: „Und wie geht’s dem Bein?“ wollte er wissen, doch Annette wusste, dass er nur aus Höflichkeit fragte. Es interessierte ihn nicht wirklich wie es ihr ging, genauso wenig wie es ihn interessiert hatte, was Matthias mit ihr angestellt hatte. „Es tut weh,“ antwortete sie deshalb nur kurz, was ihn zu einem verächtlichen Schnauben veranlasste. „Wie du vielleicht schon gehört hast, haben wir am Samstag mal wieder den ersten Platz gemacht.“ „Herzlichen Glückwunsch,“ antwortete Annette. Es war ihr völlig egal, aber sie hatte das Gefühl etwas sagen zu müssen. „Wir sind im Moment das beste Team auf der regionalen Basis,“ fuhr er fort, „und ich will, dass das so bleibt. Und vor allem will ich, dass wir das beste Team bundesweit werden.“ Annette sagte nichts, sie konnte sich denken, was jetzt kommen würde. „Wir brauchen dich dafür,“ sagte Max in einem fast flehentlichen Ton. Schlimm genug, dass Roxy weg ist, aber ohne dich wird das einfach nichts.“ „Tut mir leid, aber meine Entscheidung steht fest,“ sagte Annette mit fester Stimme. „Na schön.“ Max stand auf. Für einen Moment glaubte Annette, dass sie ihn tatsächlich so schnell los werden würde, doch dann setzte er sich plötzlich neben sie. „Matthias war gestern bei mir,“ flüsterte er, „und wir hatten ein sehr langes Gespräch.“ Annette zuckte. Was kam jetzt bloß? Sie saß da und wagte es nicht, sich zu bewegen. Sie wusste, dass Max jetzt etwas sagen würde, was sie nicht würde hören wollen. Er strich ihr mit der Hand ein paar Haare aus dem Gesicht, doch sie war nicht in der Lage ihn wegzustoßen, nicht einmal ihn bitten aufzuhören. „Sein Anwalt sagt, dass er wohl mit einer Bewährungsstrafe davon kommen wird, weil er dich ja letztendlich nicht vergewaltigt hat. Aber er ist ganz schön sauer auf dich.“ Er legte eine Hand auf Annettes Knie und streichelte es. Sie schluckte und schloss die Augen, in dem Wissen, dass sie ihm hilflos ausgeliefert war. „Er hat wegen dir seinen Job verloren. Und er weiß, dass er als Vorbestrafter auch nicht so leicht einen neuen Job finden wird, auf jeden Fall keinen besonders guten.“ Er sah sie an, doch Annette war nicht in der Lage irgendetwas zu sagen. Stumm hörte sie ihm weiter zu. „Ich habe da einen Freund in Stuttgart, der etwas für ihn tun könnte. Matthias wäre dann weit weg von dir und würde dich nicht mehr belästigen.“ Er fuhr mit der Hand weiter ihren Oberschenkel entlang und lächelte leicht. Sein Gesicht war ganz nah an ihrem Ohr als er flüsterte: „Oder ich kann ihm deine Adresse geben, damit er sich bei dir bedanken kann, dass er jetzt arbeitslos und vorbestraft ist. Na was meinst du?“ Annette konnte immer noch nicht sprechen, deshalb schüttelte sie nur stumm den Kopf. „Also, wenn ich den Freund in Stuttgart beanspruche, bin ich ihm einen ziemlich großen Gefallen schuldig,“ fuhr er fort, „das tue ich nicht einfach so.“ Annette wusste schon längst, was er von ihr wollte. „Nur wenn ich weiter tanze,“ flüsterte sie mit heiserer Stimme. „Kluges Mädchen,“ sagte Max lächelnd und tätschelte ihr die Wange. Annette schloss die Augen. Wie konnte jemand nur so grausam sein? „Aber mein Fuß,…“ versuchte sie zu erklären, doch Max schüttelte nur den Kopf. „So schlimm kann es nicht sein,“ antwortete er, „du hast ja nicht einmal einen richtigen Gips. Also, du hast zwei Möglichkeiten, entweder, du kommst heute Abend zum Training, oder du bekommst einen schönen Besuch. Aber ich denke, ich werde dich heute Abend in der Tanzschule sehen, nicht wahr?“ Seinen Worten Nachdruck verleihend, fuhr er mit der Hand Annettes Oberschenkel noch ein Stückchen höher, was sie dazu veranlasste heftig zu nicken. „Sehr brav.“ Max lächelte zufrieden, drehte sich um und ging. Als die Haustür hinter ihm ins Schloss fiel, merkte Annette, dass ihr Tränen die Wangen entlang liefen.

    „Annette, warum bist du zum Training gekommen?“ fragte Cindy und sah sie von der Seite an. „Du hast doch gesagt, dass du aufhören willst, und mit deinem Fuß zu tanzen, das ist doch Wahnsinn.“ Annette schwieg und sah aus dem Fenster hinaus in die Nacht. Die Schmerzen in ihrem Fuß waren zeitweise so stark, dass sie dachte er könnte jeden Augenblick abfallen. Sie hatte nicht kommen wollen, aber gleichzeitig das Gefühl gehabt, keine andere Wahl zu haben. Sie hatte Ralf anrufen wollen, ihm alles erzählen wollen. Doch dann fürchtete sie plötzlich, dass Max oder Matthias sich vielleicht nicht an ihr, sondern an einem ihrer Freunde rächen könnte. Und sie durfte sie auf keinen Fall in Gefahr bringen. Deshalb hatte sie Ralf eine SMS geschrieben und behauptet, dass sie mit Cindy ins Kino gehen würde und danach zu ihm käme. Doch wenn sie jetzt zu ihm fuhr, würde er ihr sofort ansehen können, was wirklich passiert war. Aber auf der anderen Seite, - so ging es auch nicht mehr. Sie hasste das Tanzen, sie wollte es nicht mehr und sie konnte sich nicht eine Sekunde lang auf die richtigen Schritte konzentrieren. Sie musste dem ganzen irgendwie ein Ende setzen, diesen Entschluss hatte sie heute bereits mehrmals gefasst, doch jedes Mal erschien dann vor ihrem geistigen Auge das Bild von Matthias und letztendlich hatte sie doch immer weiter getanzt. Sie brauchte Hilfe, und sie wusste, dass diese Hilfe nur von Ralf kommen konnte. „Warum tanzt DU eigentlich noch?“ fragte sie Cindy jetzt ihrerseits neugierig, „du hast doch auch gesagt, dass du keine Lust mehr hast.“ Cindy zögerte, dann zuckte sie mit den Achseln. Scheinbar war sie der Meinung, dass Annette ruhig wissen konnte, warum sie noch dabei war. „Max hat das Geld für Roxys Kur bezahlt.“ Dieses Geständnis schockte Annette. „Die Krankenkasse wollte nicht zahlen, und wir haben das Geld einfach nicht. Max hat gesagt, wenn ich weitermache, übernimmt er die Kosten.“ Cindy sah mit einem flehentlichen Blick zu Annette. Sie wollte, dass sie es verstand. „Ich hatte doch keine andere Chance.“ Annette schwieg. Wie viele Leute in diesem Team tanzten wohl noch, weil es ihnen Spaß machte? Wie viele von ihnen tanzten nur, weil sie von Max auf die eine oder andere Art erpresst wurden. „Ich muss zu Ralf,“ sagte sie, mehr zu sich selber als zu Cindy. „Kannst du mich zu ihm fahren, er wohnt nicht weit weg von hier.“ Plötzlich wusste Annette, was sie zu tun hatte, und sie wusste auch, dass sie es ohne die Unterstützung von Ralf nicht schaffen würde.

    Als Ralf die Tür öffnete, wusste er gleich, dass etwas nicht stimmte. Hätte er Annette nicht aufgefangen, wäre sie vermutlich vor seiner Tür zusammengebrochen. Sie konnte kaum stehen und klammerte sich am Türrahmen fest. Schnell hob er sie hoch und trug sie in sein Wohnzimmer. Dann ging er zurück zur Tür, holte ihre Tasche und brachte sie ebenfalls in sein Wohnzimmer. Als er jetzt sah, was Annette trug, wusste er auch gleich, was passiert war. Er wollte es nicht, aber seine Enttäuschung war zu groß, sodass es gleich aus ihm heraussprudelte: „Du warst in der Tanzschule.“ Obwohl der Vorwurf berechtigt war, war Annette doch erstaunt und zugleich tief erschrocken, über die Härte mit der Ralf sprach. Doch sie verstand ihn. Sie waren gerade mal einen Tag zusammen und schon hatte sie ihn angelogen. Wer wäre da nicht wütend und enttäuscht? Sie spürte, wie Tränen in ihre Augen traten, aber blinzelte sie schnell weg. Sie durfte jetzt auf keinen Fall anfangen zu weinen. Es war wichtig, dass sie Ralf jetzt alles genau erzählte, er musste verstehen, warum sie ihn angelogen hatte, dass sie zunächst keine andere Möglichkeit gesehen hatte. Ralf kam gerade mit einem Kühlpad aus der Küche und legte es auf den geschwollenen Verband. Dass er sich trotz allem noch so um sie kümmerte! Jeder andere hätte sie vermutlich direkt wieder vor die Tür gesetzt! Ralf musste sie wirklich sehr lieben. „Max war heute morgen bei mir,“ sagte Annette deshalb schnell. „Was?“ Sie konnte sehen, wie sein Blick gleich sanfter wurde. Sofort setzte er sich zu ihr auf das Sofa und legte einen Arm um sie. So fiel es ihr gleich leichter, ihm alles zu erzählen. Als sie geendet hatte, sagte er: „Du hättest mich direkt anrufen sollen.“ „Ja, das ist mir jetzt auch klar,“ murmelte sie verlegen. „Es tut mir wirklich leid.“ „Mir tut es leid, dass ich gerade so wütend war,“ entgegnete Ralf, „ich konnte ja nicht wissen, was dieses Schwein,…“ „Schon gut,“ murmelte Annette, „versprichst du mir etwas?“ „Was denn?“ „Wenn ich jetzt nicht mehr zum Tanzen gehe… Also, vielleicht war es nur eine leere Drohung von Max, vielleicht aber auch nicht. Passt du auf mich auf?“ „Natürlich tue ich das,“ antwortete Ralf und drückte sie an sich, „du musst mir aber auch etwas versprechen.“ „Was denn?“ „Dass du mir ab jetzt immer die Wahrheit sagst und mir vertraust. Du weißt doch, dass ich immer da bin, um dir zu helfen.“ „Ja, das weiß ich,“ antwortete Annette und küsste Ralf leicht. Sie wusste, dass es noch eine wichtige Sache gab, die sie zu erledigen hatte, aber ein paar Minuten hatte sie noch. Auf diese paar Minuten kam es jetzt auch nicht mehr an. „Bist du noch sauer?“ fragte sie vorsichtig und sah Ralf flehentlich an. Er lachte. „Wenn du so guckst, kann doch keiner sauer sein.“ „Ich meine es ernst, Ralf, ich will nicht, dass du deswegen sauer bist.“ Er sah sie liebevoll an: „Im ersten Moment war ich schon sauer. Nein, eigentlich ist sauer nicht das richtige Wort, ich war enttäuscht. Aber nachdem du mir alles erklärt hast, kann ich es natürlich verstehen. Solange du es nicht noch mal tust.“ „Versprochen,“ murmelte Annette. Ralf fuhr mit dem Finger über Annettes Lippen, bevor er sie küsste. Sie lächelte und strich behutsam über seinen Hals. Doch als sie spürte, wie seine Hand unter ihr T-Shirt glitt, hielt sie ihn fest. „Tut mir leid,“ flüsterte, in dem Glauben etwas falsch gemacht zu haben. Doch Annette schüttelte den Kopf. „Du hast nichts falsch gemacht. Wir müssten nur noch etwas wichtiges erledigen,“ erklärte sie und setzte sich auf.
     
  13. HMJ821

    HMJ821 New Member

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    AW: *When the music fades*

    Als sie den Schlüssel im Schloss hörte, holte Annette gerade das Blech mit den selbstgebackenen Blaubeermuffins aus dem Ofen. Sie hörte, wie Ralf in die Diele ging, dann zu ihr in die Küche kam. „Nach was riecht es denn hier?“ fragte er lächelnd und schlang die Arme um Annette. „Ich habe gekocht,“ antwortete diese und deutete auf die dampfenden Töpfe die auf dem Herd standen. Gestern Abend waren sie und Ralf noch bei der Polizei gewesen und hatten Anzeige gegen Max erstattet. Man hatte ihr gesagt, dass sie nur eine Chance hatte, wenn irgendjemand anderes aus dem Team zugab, dass Max sie auch erpresste, denn sonst stand es Aussage gegen Aussage und sie hatte keine Beweise. Trotzdem fühlte sie sich irgendwie befreit. Sie hatte getan, was sie konnte und einen letzten Schritt getan, um das Thema Tanzen endgültig aus ihrem Leben zu verbannen. Außerdem würde sie ihre freie Woche hier bei Ralf in der Wohnung verbringen und endlich wieder das Leben genießen können. Das Leben mit ihm. „An meine Kochkünste kommst du sowieso nicht heran,“ meinte Ralf kritisch und hob einen Deckel hoch. „Probier mal,“ antwortete Annette, brach ein Stück des noch warmen Muffins ab und schob es ihm in den Mund. Dann zog sie ihn näher an sich und küsste ihn sanft. Er machte sich von ihr los und rief lachend: „Das ist ja auch unfair, wenn du mich küsst, schmeckt es natürlich zehn Mal so gut.“ Annette antwortete mit einem beleidigten Unterton in der Stimme: „Mein Essen schmeckt auch so gut.“ Ralf lachte wieder und zog sie besänftigend zu sich heran. „Hat dir der Arzt nicht eigentlich strenge Bettruhe verordnet?“ Annette rollte mit den Augen. „Das ist so langweilig nur auf dem Sofa herumzuliegen.“ Er lächelte und strich ihr vorsichtig ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht. „Lust auf ein Tänzchen?“ fragte Ralf, als der Radiosprecher das nächste Lied ankündigte. Jetzt war Annette diejenige die lachen musste. „Das verstehst du also unter Bettruhe,“ meinte sie und fügte grinsend hinzu: „Außerdem kommst du an meine Tanzkünste sowieso nicht heran.“ „Das wollen wir ja mal sehen.“ Ralf zog sie näher an sich und Annette schlang die Arme um seinen Hals. Während sie sich langsam zur Musik bewegten, küsste er sie liebevoll. „Das ist ja auch unfair, wenn du mich dabei küsst, kommt es mir so vor, als tanzt du zehn mal so gut,“ murmelte sie, woraufhin er sie erneut küsste. Annette schloss die Augen. Sie wusste nicht, wann sie das letzte Mal so glücklich gewesen war. Und sie fragte sich, warum sie und Ralf nicht schon sehr viel früher zueinander gefunden hatten. Aber letztendlich war es auch egal. Die Hauptsache war, dass sie jetzt hier bei ihm war. Das ganze Leben schien plötzlich so leicht und wunderschön zu sein. Und, stellte sie erstaunt fest, Tanzen machte wieder Spaß.
     
  14. Margit

    Margit Administrator Mitarbeiter

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    AW: *When the music fades*

    Hallo HMJ821!

    Erstmal herzlich Willkommen im Forum, schön das du her gefunden hast! :)

    Ich hatte leider noch nicht die Zeit alles zu lesen, wollte aber schon mal ein zwischen-Statement abgeben damit du weisst das hier auch jemand liesst :D

    Ich mag deinen Schreibstil und finde das, was ich bisher gelesen hab wirklich gut!

    LG
    Margit
     
  15. Veruca

    Veruca Active Member

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    AW: [Schillerstraße] - *When the music fades*

    Ja auch von mir ein liebes Willkommen. Deine Geschichte ist toll. Du schreibst echt gut und lebendig.

    Ganz bin ich auch noch nicht durch, aber den Rest werde ich mir auf alle Fälle noch durchlesen
     
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  1. HMJ821
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