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Josef Reding: »Noch eine Wundertüte gratis«

Dieses Thema im Forum "Hausaufgaben-Hilfe" wurde erstellt von Mary, 28 September 2007.

  1. Mary

    Mary New Member

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    5 April 2003
    Beiträge:
    1.973
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    Where my heart is
    Hi :)

    Ich muss bissi was erzählen über eine Kurzgeschichte von Josef Reding. Sie heißt "Noch eine Wundertüte gratis". Vielleicht hatte die schon jemand oder kann mir so ein paar Tipps geben, bezüglich des Inhaltes, worauf der Autor hinaus will, was euch direkt dazu eingefallen ist. Besonders über die Charakterisierung der beiden Personen bzw. das Verhältnis des Jungen zum Mann und die Bedeutung der Entscheidung des Jungen am Ende. Wär echt super :) Jeder kleine Gedanke hilft. Thx!

    (Sry für die Fehler, hab den Text kopiert un is halt noch alte Rechtschreibung. Außerdem ist es spät und ich hab nicht mehr wirklich Lust es zu korrigieren^^)

    Die Bude war grün. Der Junge vor der grünen Bude trug eine am Hosenboden verwaschene Nietenhose und ein löcheriges Turnhemd. Der Junge sprach mit dem Mann in der Bude. Der Mann in der Bude war ein Silikose-Invalide. Die narbige Haut im Gesicht war von gelbem Glanz.
    "Wundertüte!' sagte der Junge.
    "Was für 'ne?" fragte der Mann.
    "Vonne Roten", sagte der Junge.
    "Wieviel Geld hasse denn?" fragte der Mann.
    "'n Tacken", sagte der Junge.
    "Dann kannsse eine kriegen", sagte der gelbe Mann und hielt dem Jungen ein halbes Dutzend pfirsichroter Tüten vor die Nase. "Hass 'n Popel anne Nase", sagte der Mann dabei traurig.
    Der Junge wischte mit dem Handrücken gleichmütig unter den Nasenlöchern her und zählte rasch an den Kanten der Tüten entlang, wobei er flüsterte: "A-U-S, du hass 'ne Laus, ich hab's gesehn, und du kannst gehen!"
    Mit dieser Abzählformel schied er eine Tüte nach der anderen aus, bis nur noch eine übrigblieb.
    „Die nehm' ich", sagte er. Der Mann hustete, nickte, steckte die roten Papierrechtecke wieder hinter die Glasscheibe und sah zu, wie der Junge mit einem Ruck den wellig gestanzten Rand von der Tüte riß, das grelle Papier aufpustete und hineinschaute, "Bleistiftsspitze - Fußballbild von Schimanjack - Kaugummi - und, Mööönsch, Gutschein!"
    Der Mann beugte sich vor. "Zeig ma!" sagte er.
    "Hier, Gutschein", sagte der Junge und grinste gemessen wie damals, als er zum erstenmal ohne Fahrradschlauch über den Kanal geschwommen war.
    "Jau", sagte der Mann so kräftig, daß dieses Wort einen neuen Hustenanfall aus seinem faltigen Hals herauszerrte. Aber der Mann lachte beim Husten. Er freute sich für den Jungen.
    "Dann krieg' ich noch eine Wundertüte gratis. Für den Gutschein", sagte der Junge.
    "Jawoll", sagte der Silikosemann, nahm den Gutschein und fächerte die roten Tüten wieder vor den körnig-grauen Augen des Jungen auseinander. Der Junge winkte mit gespreizten Fingern ab. "Jetzt will ich vonne lila Tüten", sagte er bestimmt..
    Der Mann zog seinen kahlen Kopf wieder aus dem Ausgabefenster und tauschte die roten Tüten gegen die violetten aus. "Hab' nur noch drei lilane", sagte der Mann. "Is egal", sagte der Junge. Diesmal zählte er nicht aus, sondern zog die mittlere Tüte aus der knotigen Hand des Mannes. Er nahm eine Taschenmesserklinge ohne Schaft aus dem angenieteten hellblauen Stofflappen über der rechten Hüfte und schlitzte den oberen Rand der Tüte auf. Während dieser Handlung schloß er die Augen. Er schloß sie so fest, daß sein kleines Gesicht zu einer furchigen Landschaft wurde.
    "Na?" fragte der Mann.
    Der Junge riß die Lider unter heftigem Zwinkern wieder auf und sagte: "Springfrosch - Flöteplättchen - Anspitzer - und wieder Gutschein - ja, wieder Gutschein!"
    "Is ja nich möglich!" sagte der Mann. „Sonst kommt mal alle vierzehn Tage ein Gutschein raus! Du hass 'n Glückstag, Junge!"
    Der Junge kratzte sich mit der rechten Hand nachdenklich an der linken Brustwarze, die winzig und braunrot aus dem Turnhemd hervorragte. "Ham Se auch grüne?" fragte er den Mann. "Nee, grüne gibt's nich", sagte der Mann. "Bloß noch weiße."
    "Dann geben Se wieder die roten", sagte der Junge. Der Mann gehorchte sofort und mit einer Flinkheit, die man ihm nicht zugetraut hätte. "Wenn du jetzt nochmal 'n Gutschein ziehst, dann fall' ich von meinem Holzbein", sagte der Budenmann dabei.
    "Ham Se 'n Holzbein?" fragte der Junge. Aber er wartete die Antwort nicht ab, sondern rasselte einen neuen Abzählvers herunter: "Ene mene muh und aus bist du!" Die Tüte, auf der sein Zeigefinger bei "du" lag, nahm er.
    "Jetzt wird's spannend", sagte der Mann und stützte sich mit den Ellenbogen auf das schmale Zahlbrett.
    Der Junge überlegte, wie er die Wundertüte diesmal öffnen sollte. Er drehte sie ein paarmal unschlüssig, dann fetzte er jäh eine Ecke ab und schlüpfte bohrend mit zwei Fingern so in die Tüte, daß sie aufzuckte wie ein verletztes rotes Weichtier.
    Als er den Gutschein zwischen den braunrandigen Fingernägeln emporhielt, sagte der Junge nichts mehr. Er lächelte auch nicht. Alles an ihm war Staunen - die emporgereckte Hand, der verzogene Mund, die bloßen, staubgepuderten Füße, deren Zehen starr übereinanderlagen.
    Der Budenmann legte seine Hand flach auf den glänzenden Schädel. Er sagte: "Ich spring' unter..."
    Dann hörte er auf, überlegte sich etwas Neues und sagte es: "Gleich hast du eine Wundertüte nach der anderen und meine ganze Bude. Und dann muß ich abhauen, und du bist ich."
    Der Junge begann jetzt zu lachen. Mitten im Lachen erschrak er und brach es ab. Das Lachen war ohnehin klein gewesen. Er schaute die Bude aufmerksam an - die grüne, schwere Farbe, die beim Auftragen unter der Sonne eines Augusttages Blasen geschlagen hatte, das schmutzige, rissige Zahlbrett, die abgetretenen Stellen da, wo die Bretter in die verbrauchte Erde krochen. Dann sah er den Mann an ‑ das trübe Gesicht mit dem durchsichtigen Gelb, den wuchtigen Glatzkopf, auf dem noch immer die breite Hand lag, die wäßrigen Augen. Und er dachte an das Holzbein. Und er dachte daran, daß er jetzt in der stickigen Bude stehen müßte zwischen klebrigen Bonbongläsern und nicht zum Kanal gehen könnte, wo die kiesbeladenen Schiffe ihre Ränder jedem Schwimmer zum Mitfahren anboten.
    Da gab der Junge dem Budenmann seinen Gutschein und sagte: "Ich will jetzt keine Tüte mehr. Könn Se sich selbst eine nehmen."
    Als er fortlief, schaute er, was noch in der zerknitterten Tüte war: ein Foto von James Stewart, ein Fingerring mit schwarzblauem Stein und eine Nadel, die in eine Rakete auslief.
    "Morgen komm' ich wieder!" rief der Junge zur grünen Bude zurück. Aber er dachte: Morgen geh' ich sofort zum Kanal.


    (Josef Reding: »Noch eine Wundertüte gratis« aus: Papierschiffe gegen den Strom, Recklinghausen 1963)
     

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